Wie entsteht eigentlich eine Flowerpowerhour

Verfasst von

in

„Akustisch intuitiv!“

So würde ich die Entstehung einer Flowerpowerhour in zwei Worten. Musik ist eine Gefühlssache, und genauso plane ich meine Sendungen. Mal höre ich ein Lied und denke „Das sollte ich mal im Radio spielen. Und dann baue ich eine Sendung um das Lied herum. So geschehen bei Atlantis von Donovan, das ich an einem Sonntagsfrühstück im August auflegte. Am Ende stand die Episode „Ruhige Flowerpower“. Ein anderes Mal war entfernter Besuch aus Australien zu Gast und plötzlich ploppte die Frage auf: „Was haben die Aussies in den 60ern gehört und produziert?“

Der Assoziations-Booster

Glücklicherweise ist mein Gehirn eine gut arbeitende Maschine, die mir sofort und immer meldet, welche Songs NICHT nacheinander passen. Manchmal auch was (für meinen Geschmack) passen könnte und damit entwickelt sich peu à peu eine Playlist.

Wenn aus Songs eine Geschichte wird

Ein gutes Mixtape ist wie eine Welle, auf der man reitet oder von der man wohlig warm von A nach B gespült wird. Genauso sollte es bei einer guten Musiksendung sein.

Aber nicht immer will ich meine Hörerschaft einlullen. Im Gegenteil: Es macht einen Heidenspaß, mit Hörgewohnheiten zu brechen und unerwartete Stücke aufeinanderfolgen zu lassen, bei denen man am Ende doch sagt: „Okay, strange, aber gut!“

Dabei ist mir wichtig, dass die Flowerpowerhour“ kein „Oldie-Dudel-Funk“ ist, in dem wir zum tausendsten Mal „Yesterday Man“ von Chris Andrews aus dem Jahr 1965 hören. Dafür gibt es die Sender mit der 4.

Ich habe nichts gegen Chris Andrews, sondern gegen die Art der Aufbereitung.

Ich möchte Geschichten erzählen und hörbar machen, was die Menschen damals bewegt hat, wovon sie träumten, wogegen sie rebellierten und wie sie ihre Welt wahrnahmen. Die Musik der späten 60er ist dafür ein wunderbarer Zeitzeuge.

Vielleicht ist das auch der Punkt, an dem sich mein Radiomachen und meine literarischen Schreibversuche begegnen. Ob ich eine Geschichte schreibe oder eine Playlist zusammenstelle:

Ich möchte einen Spannungsbogen erzeugen, Erwartungen wecken, gelegentlich mit ihnen brechen und die Menschen am Ende irgendwohin mitnehmen, wo sie vorher noch nicht waren. Nur dass mir beim Radio die Musiker einen Großteil der Arbeit abnehmen.

Bekanntes trifft auf Fundstücke

Um zu verhindern, dass ich irgendwann nur noch Flowerpowerhour-Gassenhauer spiele, recherchiere ich nach immer neuen Fundstücken.

Ich höre die ganzen Alben, auf denen die Hits zu finden sind, genauso wie Compilations zu bestimmten Themen. (Hörtipp: A Kaleidoscope of Sounds: Psychedelic & Freakbeat Masterpieces.)

Außerdem gibt es auf YouTube einige sehr brauchbare und gute Kanäle, wenn es um die Musik der 60er geht. Meine Favoriten sind:

Gerade für Themensendungen wie „Psychedelische Musik aus dem Ostblock“ hat sich das Schneeball-Lawinen-System, das ich im Geschichtsstudium erlernt habe, als ausgesprochen brauchbar erwiesen.

Ich finde ein interessantes Stück, sehe mir an, was die Band sonst noch gemacht hat, auf welchen Samplern und Compilations ihre Songs enthalten sind, und lese, welche Musiker später in anderen Bands gespielt haben.

Und schon entsteht eine Lawine aus Material.

Ich bin mir sicher, dass es in einem Paralleluniversum einen Sebastian gibt, der die nächsten 60 Jahre nur noch psychedelische Musik hört.

Zwei feste Inseln in jeder Sendung

Mikrofon mit StHörfunk-Logo

Erfahrungen aus der Morning-Show

2024 moderierte ich die Morgensendung „Frisch in den Freitag“ von 6 bis 7 Uhr und lernte schnell, dass es gerade morgens hilft, eine Sendung mit festen Rubriken zu strukturieren. Sonst gerät man leicht ins Schwadronieren oder denkt sich irgendwann: „Ach, ich leg einfach mal was auf!“

Da mich die Geschichten hinter den Liedern schon immer interessiert haben, etwa ihre Entstehung, Coverversionen oder andere kuriose Hintergründe, entstand bald die Idee für die Rubrik „Die Geschichte hinter dem Song“. Seitdem beleuchte ich darin jede Woche ein anderes Lied.

Meine reizenden Assistentinnen

Außerdem lasse ich die Texte gerne im Vorfeld von Frauen einsprechen. Aus meinem Lehramtsstudium ist mir nämlich noch in Erinnerung geblieben, dass ein Wechsel der Stimmen helfen kann, die Aufmerksamkeit der Zuhörer wachzuhalten. Was bei einer Schulklasse funktioniert, kann beim Radiopublikum schließlich nicht ganz verkehrt sein. Und seien wir ehrlich: Eine Stunde lang nur meine Stimme wäre vielleicht auch etwas viel des Guten. An dieser Stelle: Danke an Lisa, Madeline, Laura, Hannah und Sina.

„WOW! Was ist das denn!“

Eine weitere Rubrik ist „Die Platte der Woche“ in der ich berühmte Alben (The Dark Side of the Moon) oder auch schöne Raritäten (The United States of America) vorstelle und ein bis drei Songs in der Sendung habe. Bereits beim erstellen der Playlist stolpere ich regelmäßig über Alben und Songs bei denen ich Denke „WOW! Was ist das denn!“ manchmal fasst eine Platte aber auch einfach das Thema gut zusammen: Wenn das Thema der Sendung „Woodstock“ ist, kann es nur eine Platte der Woche geben.

Und dann kommt die Stoppuhr

Studiouhr um 22:55 Uhr

Früher kam irgendwann der Blick des Grauens: Die Playlist war fertig, musikalisch passte alles wunderbar zusammen. Nur leider war sie viel zu lang.

Mittlerweile weiß ich, dass ich zwischen 12 und 14 Minuten Redeanteil habe. Die Musik sollte also etwa 46 bis 48 Minuten dauern.

Früher musste ich deshalb regelmäßig schöne rote Fäden kappen und neu zusammenknoten. Was fliegt raus? Was muss gekürzt werden? Wo kann ich Puffer einbauen?

Inzwischen schaue ich schon etwas früher auf die Gesamtlänge, um der Gefahr des Neuaufdröselns zu entgehen.

Klappt aber fast nie.

Jetzt muss ich auch noch etwas sagen

Mein Moderationsskript entsteht dann oft ziemlich kurzfristig. Früher arbeitete ich ganz ohne Skript und wusste manchmal fünf Sekunden vor Songende noch nicht, was ich gleich erzählen werde. Spontan, frei, locker. Klingt toll, ist aber nur vermeintlich eine gute Idee. Denn zwischen einer spontanen Moderation und gepflegtem Geschwafel liegt manchmal nur ein einziger Satz. Und den findet man garantiert nicht, wenn der nächste Song schon in den Startlöchern steht.

Mittlerweile schreibe ich mir deshalb ein Skript. Nicht unbedingt, um jedes Wort sklavisch abzulesen, sondern um einen roten Faden zu haben. Schließlich möchte ich nicht nur Songs ankündigen, sondern auch die Geschichten dahinter erzählen und musikalische Zusammenhänge herstellen. Die Informationen dafür sammle ich meist schon während meiner musikalischen Recherchereisen.

Ein Skript ist eben wie ein Treppengeländer: Man braucht es nicht unbedingt, solange alles glatt läuft. Aber wenn man ins Stolpern gerät, ist man verdammt froh, dass es da ist. Und gelegentlich kann man sich auch ganz lässig daran entlanghangeln.

Montag, kurz vor 22 Uhr

Finger am Mischpult

Ich bin oft 20 Minuten vor der Sendung im Studio (Ja, alle meine Sendungen sind live) um meine Vorfreude in den Griff zu bekommen. Routine hilft dabei: Technik checken, Setting am PC einrichten, Jingles programmieren und noch mal Playlist und Skript durchgehen.

Dann wandert der Blick zur Uhr. Noch ein paar Sekunden. Der Finger liegt auf dem roten Regler.

Und los geht’s.“… Hauptsache die Nadel setzt richtig auf!“

Dieser Satz steht an Beginn jeder Sendung und legt den Finger eigentlich schon in die Wunde. Die Playlist kann noch so gut sein und das Skript noch so gewitzt, wenn ich den Regler eine Sekunde zu spät hochziehe und ein Song abgeschnitten wird, denke ich eine Woche lang mit Grauen an die Sendung zurück. Trotzdem verlaber ich mich manchmal, muss dann doch noch schnell einen Song rausschmeißen und immer von 22:59:59 Uhr rückwärts rechnen. Und dabei war ich in Mathe nie gut und beim Sexagesimalsystem (60 als Basis) bekomme ich wöchentlich einen Knoten im Kopf.

Und eine Stunde später ist alles vorbei

Um 22:59:55 ziehe ich den roten Hebel am Mischpult wieder hoch. Wenn „Chris Metal Box“ um 23 Uhr beginnt, ist meine Arbeit getan. Die Playlist aus der Radioautomation löschen (nicht dass auf der Webseite weiter „Gerade läuft: Stairway to heaven angezeigt wird), USB-Stick und Musik einpacken. Studio aufräumen. Jacke an und fertig. Manchmal gehe ich dann noch ein Absacker-Bier trinken. Manchmal gehe ich still nach Hause, während die Musik in meinem Kopf beim Gang übers Grasbödele nachhallt.