Autor: Sebastian Arndt

  • Mobiles Radio im Freibad Rosengarten / Rieden

    Mobiles Radio im Freibad Rosengarten / Rieden

    Manchmal entstehen Ideen nicht am Schreibtisch und auch nicht in einer Redaktionssitzung.

    Manchmal reichen ein Freibad, ein Aushang und ein Lied zur falschen Zeit.

    Im August war ich im Freibad in Rieden. Einige Animateure beschäftigten dort Kinder, nebenbei lief Musik. Soweit nichts Besonderes.

    Dann kam nach „Take on Me“ von a-ha plötzlich „Das rote Pferd“.

    Und irgendwo zwischen Synthiepop und Partyschlager entstand bei mir der Gedanke: Das müsste doch auch anders gehen. Nicht unbedingt lauter, nicht spektakulärer, sondern einfach besser kuratiert.

    Vom Beckenrand zur Idee

    Am Eingang des Freibads hatte ich zuvor Informationen über den Förderverein „Freibadfreunde Rosengarten“ und die aktuelle Situation des Bades gelesen. Beides fügte sich in meinem Kopf ziemlich schnell zusammen.

    Warum nicht Radio direkt aus dem Freibad machen?

    Nicht nur Musik abspielen, sondern eine richtige Livesendung. Mit Gesprächen, Musikwünschen und der Möglichkeit, den Förderverein und das Freibad selbst vorzustellen.

    Ich fragte beim Imbisspersonal, wie ich Kontakt zum Förderverein bekommen könnte.

    Die Antwort war überraschend unkompliziert: Ein Mitglied des Fördervereins stand gerade selbst an der Kasse.

    Also ging ich hin, stellte mich vor und erzählte von der Idee.

    Aus diesem kurzen Gespräch entstand schließlich die Planung für eine vierstündige Livesendung.

    Vorankündigung für das Event Mobiles Radio im Freibach Rieden

    Das Mobile Radio ist noch jung

    Für Radio StHörfunk ist die Sendung aus dem Freibad bereits die dritte Aktion mit unserem Mobilen Radio.

    Das Format gibt es erst seit diesem Jahr.

    Zuvor waren wir bereits in der Kunsthalle Würth und beim Haller Frühling unterwegs. Zwei sehr unterschiedliche Orte, aber genau das ist ein Teil der Idee dahinter.

    Radio muss nicht zwangsläufig im Studio stattfinden.

    Mit dem Mobilen Radio können wir dorthin gehen, wo Menschen gerade zusammenkommen. Wir können Gespräche führen, Atmosphäre aufnehmen und Radio sichtbar machen.

    Das Freibad ist dafür eigentlich ein ziemlich naheliegender Ort.

    Warum gerade das Freibad?

    Natürlich begann die Idee mit Musik.

    Aber ziemlich schnell wurde klar, dass es um mehr gehen kann.

    Das Freibad in Rieden befindet sich in einer besonderen Situation, und der Förderverein spielt für seine Zukunft eine wichtige Rolle. Eine Livesendung bietet deshalb die Möglichkeit, nicht nur für vier Stunden Musik an die Liegewiese zu bringen, sondern auch mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich dort engagieren.

    Gerade freies Radio lebt davon, nicht nur über Dinge zu berichten, sondern mitten hineinzugehen.

    Und vielleicht ist eine Sendung zwischen Schwimmbecken, Imbiss und Liegewiese dafür sogar geeigneter als ein perfekt abgeschirmtes Studio.

    Vorankündigung der Freibadfreunde Rosengarten für die Aktion

    Inzwischen steht auch der Ablauf

    Am Samstag, den 12. September, sendet Radio StHörfunk von 14 bis 18 Uhr live aus dem Freibad in Rieden/Rosengarten.

    Der ursprüngliche Gedanke war einfach: Musik, Gespräche und Wünsche aus dem Freibad.

    Inzwischen hat das Ganze etwas mehr Kontur bekommen.

    Zum Start der Sendung wird es zunächst eine Begrüßung direkt aus dem Freibad geben. Danach sollen möglichst schnell die ersten Badegäste zu Wort kommen und ihre Musikwünsche loswerden.

    Ein fester Bestandteil der Sendung wird außerdem ein Interview mit dem Vorstand des Fördervereins sein. Dabei soll es um die aktuelle Situation des Freibads gehen, um die Rolle des Vereins, die Zusammenarbeit mit der Gemeinde, mögliche Unterstützer und vor allem um die Frage, wie es mit dem Bad in den kommenden Jahren weitergehen kann.

    Die endgültigen Fragen entstehen bewusst gemeinsam mit dem Verein. Denn gerade bei einem Thema, bei dem Gemeinde, Betreiber, Finanzierung und Förderverein ineinandergreifen, ist mir wichtig, dass die Fakten stimmen und nicht eine zugespitzte Formulierung am Ende mehr Schlagzeile als Information produziert.

    Musikwünsche als Gesprächsöffner

    Die Idee, Menschen spontan nach ihren Musikwünschen zu fragen, ist für mich übrigens nicht ganz neu.

    Schon im vergangenen Jahr habe ich während einer Livesendung aus der Schwäbisch Haller Fußgängerzone Passantinnen und Passanten nach ihren Lieblingsliedern gefragt.

    Das Foto zu diesem Beitrag ist bei genau dieser Aktion entstanden.

    Damals hat sich ziemlich schnell gezeigt, wie gut Musik als Gesprächsöffner funktioniert. Man fragt nach einem Lieblingslied und bekommt oft viel mehr als nur einen Titel zurück: Erinnerungen, Geschichten, spontane Empfehlungen oder einfach ein überraschend gutes Gespräch.

    Im Freibad soll diese Idee jetzt weitergehen.

    Ihr wünscht, wir spielen

    Der größte Teil der vier Stunden soll trotzdem kein langes Gesprächsformat werden.

    Das Wunschkonzert bleibt das Herzstück.

    Wer im Freibad ist, kann zu unserem Radiostand kommen, einen Musikwunsch abgeben und vielleicht auch erzählen, warum gerade dieser Titel laufen soll.

    Ich möchte dabei möglichst wenig zwischen „Radiomachern“ und „Publikum“ unterscheiden. Wer etwas zu erzählen hat, darf ans Mikro. Wer einfach nur einen Song hören möchte, darf einen Song wünschen.

    Ein Teil davon soll unter dem kleinen Motto „Was hört das Freibad?“ laufen.

    Dabei geht es nicht nur um den nächsten Titel, sondern auch um die Frage, welche Musik gerade bei Jugendlichen, Familien, Stammgästen oder den Leuten am Kiosk auf den Kopfhörern läuft.

    Unterstützung am Mikrofon

    Ganz allein werde ich am Samstag vermutlich doch nicht am Mikrofon sitzen.

    Aus dem Förderverein kam die Frage, ob Luisa bei der Sendung mitmachen könne. Sie ist 13, interessiert sich für Moderation und Radio und hat bereits erste Erfahrungen gesammelt: Sie hat bei einem Musical-Konzert anmoderiert, im Studio gesungen und steht offenbar ganz gern vor einem Mikrofon.

    Für die Freibadsendung könnte das ziemlich gut passen.

    Geplant ist, dass Luisa im Laufe des Nachmittags Musikwünsche sammelt, mit Badegästen spricht und bei einzelnen Moderationen mit einsteigt. Gerade bei „Was hört das Freibad?“ kann ich mir das gut vorstellen.

    Wie genau wir ihre Rolle nennen, klären wir vor der Sendung noch intern.

    Und ganz pragmatisch: Eine 13-Jährige kommt wahrscheinlich leichter mit anderen Jugendlichen ins Gespräch als ein Chefredakteur jenseits der 40.

    Nicht jede Minute ist festgelegt

    Trotz Ablaufplan soll die Sendung bewusst Luft behalten.

    Ein paar Punkte stehen fest: der Start um 14 Uhr, das Interview mit dem Förderverein, eine Halbzeit-Moderation gegen 16 Uhr und natürlich der Abschluss kurz vor 18 Uhr.

    Dazwischen gibt es Wunschmusik, Gespräche, spontane Gäste und wahrscheinlich einige Dinge, die heute noch niemand vorhersehen kann.

    Genau das ist Absicht.

    Wenn ein Gespräch plötzlich zehn statt fünf Minuten dauert, dann dauert es eben zehn Minuten.

    Wenn sich fünf Leute gleichzeitig einen Song wünschen, wandert der nächste vorbereitete Programmpunkt nach hinten.

    Und wenn gerade niemand ans Mikro möchte, läuft eben Musik.

    Für diesen Fall gibt es inzwischen sogar eine kleine Reserveplaylist.

    Die reicht von Katrina & The Waves über Culture Club und Shakira bis zu Bobby Darins „Splish Splash“.

    Und weil die Freibadfreunde für den Nachmittag ein Currywurst-Special angekündigt haben, ist natürlich auch Herbert Grönemeyers „Currywurst“ inzwischen praktisch gesetzt.

    Manchmal schreibt das Programm sich eben selbst.

    Finale im Freibad

    Die Radiosendung findet nicht isoliert statt.

    Die Freibadfreunde machen aus dem Samstag zugleich ein kleines Finale im Freibad.

    Neben dem Radioprogramm gibt es unter anderem das Currywurst-Special, und auch wer nicht mehr ins Wasser springen möchte, kann vorbeikommen.

    Das könnte gerade Mitte September wichtig werden.

    Denn ob wir am Ende bei sommerlichen Temperaturen vor einer vollen Liegewiese senden oder mit einer kleineren, wetterfesten Runde, entscheidet wahrscheinlich erst der Samstag selbst.

    Aber eigentlich passt auch das ziemlich gut zum Mobilen Radio.

    Raus aus dem Studio

    Ich mag Radio gerade dann besonders, wenn es nicht vollkommen vorhersehbar ist.

    Im Studio kann man vieles kontrollieren. Draußen nicht.

    Dort gibt es Nebengeräusche, Menschen, spontane Situationen, Wetter und vermutlich auch den einen oder anderen Moment, den niemand vorher auf dem Ablaufplan hatte.

    Vielleicht wird genau deshalb aus vier Stunden Programm am Ende mehr als nur eine Sendung.

    Und vielleicht muss manchmal tatsächlich erst nach a-ha „Das rote Pferd“ laufen, damit eine neue Idee entsteht.

  • Manja: Wie eine Krawallnudel ihren Weg in den Roman fand

    Manja: Wie eine Krawallnudel ihren Weg in den Roman fand

    Manche Figuren entstehen langsam. Man überlegt sich ihre Biografie, ihre Eigenheiten, ihre Funktion in der Geschichte. Man schiebt sie gedanklich ein wenig hin und her, bis sie irgendwann anfangen, wie echte Menschen zu wirken.

    Und dann gibt es Manja.

    Als für mich feststand, dass Go Your Own Way eine Fortsetzung bekommen sollte, war ebenso schnell klar: Es braucht neue Figuren. Denn so unterschiedlich Nick, Miriam, Lucy und die anderen auch sind, eines haben viele von ihnen gemeinsam: Sie sind auf ihre jeweils eigene Art erstaunlich brav und konventionell.

    Da fehlte jemand.

    Eine Krawallnudel.

    Nicht unsympathisch, nicht rücksichtslos und schon gar nicht einfach nur laut. Sondern liebevoll chaotisch, ein bisschen anarchisch, politisch, selbstbewusst und mit einer gewissen Freude daran, Erwartungen nicht zu erfüllen.

    In dem Moment, in dem diese Grundidee feststand, gingen gleich mehrere Schubladen auf.

    Aus gutem Hause in Richtung Revolution

    Sie ist 17 und stammt – ähnlich wie Lucy – aus einer gutbürgerlichen Lübecker Familie. Ihre Mutter ist Physiotherapeutin mit eigener Praxis. Eigentlich beste Voraussetzungen für einen ziemlich geradlinigen Lebensweg.

    Nur hat diese 17-Jährige wenig Interesse an geraden Linien.

    Wenn sie aus diesem Umfeld stammt und gleichzeitig zu der unangepassten, politisch links stehenden Figur werden sollte, die mir vorschwebte, brauchte es einen Bruch mit den Erwartungen ihres Umfelds.

    Also schmeißt sie die Schule in der elften Klasse.

    Nicht, weil ihr alles egal wäre. Im Gegenteil. Sie hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, was ihr wichtig ist. Nur stimmen diese Vorstellungen nicht unbedingt mit denen ihrer Mutter überein.

    Sie engagiert sich politisch, geht auf Demonstrationen, liest Rosa Luxemburg genauso wie Manga und mischt sich ein, wenn sie etwas ungerecht findet. Hinter ihrem ganzen Chaos steckt deshalb ein ziemlich ernsthafter Kern: Sie kann schlecht dabei zusehen, wenn andere Menschen unter die Räder kommen.

    Natürlich würde diese jugendliche Krawallnudel selbst das vermutlich weniger feierlich formulieren.

    Sie bezeichnet sich lieber als „Trotzkistin mit Herz“.

    Jette? Svea? Nein. Manja.

    Auch der Name der Figur stand nicht sofort fest.

    Von Anfang an wollte ich einen nordischen Namen. Zunächst hieß sie Jette. Danach wurde aus Jette Svea.

    Aber je deutlicher die Figur vor meinem inneren Auge wurde, desto weniger passten beide Namen.

    Jette war mir zu brav.

    Svea ebenfalls.

    Und eine Frau, die sich nicht an die Erwartungen ihrer Umgebung hält, sollte wenigstens einen Namen bekommen, der sich für mich nach ihr anfühlt.

    So wurde aus Jette über Svea schließlich Manja. Den Namen verdankt sie übrigens einer ehemaligen Arbeitskollegin. Grüße an dieser Stelle an die echte Manja!

    Und damit war sie plötzlich da.

    Fast.

    Denn eine Sache fehlte noch: Wo verbringt jemand wie Manja eigentlich seine Zeit?

    Wenn die Recherche plötzlich den Roman kennt

    Im ersten Entwurf von When I Come Around arbeitete Manja in einem fiktiven alternativen Kulturzentrum namens „UFER“.

    Das funktionierte. Aber es fühlte sich eben auch erfunden an.

    Dann fuhr ich für die Recherche zum Roman nach Lübeck.

    In der Clemensstraße entdeckte ich das schickSAAL, ein kollektiv betriebenes Hostel mit Kneipe. Und das auch noch gegenüber vom Blauen Engel, einem Schauplatz, der bereits in Go Your Own Way eine Rolle spielt.

    Ich ging hinein.

    Und plötzlich stand ich in Manjas Welt.

    Das war einer dieser wunderbaren Momente beim Schreiben, in denen die Wirklichkeit eine bereits erfundene Kulisse einfach ersetzt. Manja war zu diesem Zeitpunkt längst als Figur fertig. Ich hatte das schickSAAL nicht gesucht, um einen passenden Ort für sie zu finden.

    Ich hatte den Ort gefunden und wusste sofort: Hier arbeitet Manja.

    Also erzählte ich dem Mann hinter der Theke von meiner Romanfigur.

    Seine Antwort war sinngemäß:

    „Schick Manja vorbei. So jemanden können wir hier dringend gebrauchen.“

    Damit war die Sache entschieden.

    Das fiktive „UFER“ flog aus dem Manuskript. Manja zog ins schickSAAL.

    Dort kellnert und kocht sie, kauft ein, gestaltet und verteilt Plakate, schleppt Boxen und putzt irgendwann auch, wenn es sonst wirklich niemand mehr erträgt.

    Manchmal schläft sie dort sogar im Lager.

    Ihre Mutter bezeichnet den Ort als „linkes Chaosloch“.

    Manja nennt ihn „Zuhause mit Espresso“.

    Und dann wäre da noch dieser Roller

    Natürlich braucht eine Figur wie Manja auch einen angemessenen Auftritt.

    Bei ihrem ersten Erscheinen fährt sie deshalb nicht einfach vor.

    Sie kommt auf einem modifizierten chinesischen Elektroroller in den Innenhof. Mit vierzehn Spiegeln. Einer Lichterkette. Quietschpinken Doc Martens. Und einem Motor, der klingt wie ein rebellischer Staubsauger, der sich weigert, die Hausarbeit zu machen.

    Ihre ersten Worte:

    „NOTFALL-EINSATZ! Die Revolution des Contents ist eingetroffen!“

    Spätestens da wusste ich: Ja. Genau so ist sie.

    Die unzähligen Spiegel am Roller sind übrigens kein Zufall. Sie sind eine kleine versteckte musikalische Reminiszenz an Quadrophenia von The Who und die mit Spiegeln übersäten Motorroller der Mod-Kultur.

    Solche kleinen musikalischen Verweise verstecke ich gerne in meinen Geschichten. Man muss sie nicht erkennen. Aber wer sie entdeckt, darf sich freuen.

    Eine Figur, die Unordnung mitbringt

    Manja ist also nicht Detail für Detail am Reißbrett entstanden.

    Am Anfang stand eigentlich nur das Gefühl, dass meiner Figurenwelt jemand fehlt, der ein wenig kräftiger gegen die Wände klopft. Als die anarchische Krawallnudel einmal feststand, kam erstaunlich schnell eines zum anderen:

    Das gutbürgerliche Elternhaus, der Bruch mit der Schule, ihre politische Haltung, ihr Humor, die pinken Doc Martens, der Name und schließlich ein realer Ort in Lübeck, der so gut zu ihr passte, dass ich ihn niemals hätte erfinden können.

    Und vielleicht mag ich genau deshalb ihren ersten Auftritt so sehr.

    Andere Figuren öffnen eine Tür und betreten eine Szene.

    Manja kommt auf einem lauten Elektroroller mit vierzehn Spiegeln um die Ecke und ruft die Revolution aus.

    Manchmal weiß man als Autor dann einfach:

    Die bleibt.

  • Werkstattbericht 2 (2026): Die Hände im Teig · When I Come Around

    Werkstattbericht 2 (2026): Die Hände im Teig · When I Come Around

    Kurzstand

    Draußen zeigt das Thermometer sommerliche Höchstwerte. Drinnen glüht die Tastatur. Nicht wegen der Hitze, sondern weil mich eine ganz bestimmte Testleserin gleichermaßen in- wie extrinsisch motiviert. Ihre Nachrichten enden meist mit den Worten: „Wie geht’s weiter?“ oder „Wann bekomme ich mehr?“

    Die Franzosen haben dafür eine schöne Redewendung: mettre la main à la pâte – wörtlich: die Hand in den Teig stecken. Gemeint ist, selbst anzupacken. Wir würden vermutlich sagen: Jetzt werden die Ärmel hochgekrempelt.

    Genau so fühlt es sich gerade an.

    Go Your Own Way ist inzwischen fertig geschrieben und wartet auf den nächsten Schritt Richtung Veröffentlichung.

    Für mich bedeutet das allerdings keinen Stillstand. Im Gegenteil: Während das erste Manuskript seinen Weg sucht, wächst bereits die Fortsetzung.

    When I Come Around hat inzwischen Kapitel 22 erreicht. Die erste Fassung nimmt immer klarere Formen an. Und ja: Die Tastatur glüht noch immer.

    Woran ich gerade arbeite:

    Aktuell schreibe ich Kapitel 22. Es ist Samstag am frühen Nachmittag in Travemünde. Ein Fahrzeug wird für die Unternehmungen des Tages beladen. Instrumente, Kabel, Taschen, Verstärker und jede Menge Gepäck wandern Stück für Stück aus der WG in den VW-Bus. Eigentlich nichts, was auf den ersten Blick nach einer besonders spannenden Szene klingt.

    Werkstatt-Notiz:

    Aus einer alltäglichen Situation eine lebendige Szene entstehen zu lassen. Denn während alle gemeinsam anpacken, kommen Gespräche in Gang, Figuren geraten aneinander, es wird gelacht, diskutiert und improvisiert. Fast unbemerkt wächst dabei das Gemeinschaftsgefühl. Nicht, weil es erzählt wird, sondern weil es sich zwischen den Figuren entwickelt.

    Interessanterweise ist in der Kapitelübersicht der Plan klar: „Packen für den Nachmittag“. Doch ähnlich, wie beim Plan Einkaufen zu gehen, fehlt dem Text hier noch Esprit. Dinge aus dem Haus tragen und verstauen ist notwendig, aber literarisch erstmal nicht spannend. Also braucht es Interaktion und vielleicht noch ein Thema, an dem sich die Figuren reiben können. Und siehe da, wenn die Figuren einfach mal sie selbst sein dürfen, entwickelt sich beim Schreiben plötzlich eine eigene Dynamik.

    Wenn der Chaot mit der organisierten Lehrertochter ein Auto belädt und dabei vom Social-Media-Nerd gefilmt wird, ist man beim Schreiben beinahe versucht, selbst das Popcorn herauszuholen.

    Nächste Etappe:

    Zunächst muss der Bus fertig beladen werden. Danach noch schnell umziehen und es geht für die Figuren ab an den Strand und für mich an die nächsten Kapitel. Es warten noch viele Begegnungen, Gespräche und Szenen darauf, geschrieben zu werden. Ich bin selbst gespannt, welche davon sich genau so entwickeln, wie ich sie geplant habe, und welche Figuren mich unterwegs wieder überraschen und welche Figuren unterwegs plötzlich ihren eigenen Weg gehen.

  • Eine Reise als „Autoren-Recherche“

    Eine Reise als „Autoren-Recherche“

    Warum ich nach Lübeck gefahren bin

    Blick von einer Fähre auf den nächtlichen Hafen von Travemünde
    Travemünde bei Nacht. Eigentlich nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Finnland. Für mich begann hier bereits die Rückkehr in die Welt von Go Your Own Way

    Die Anfänge von Go Your Own Way reichen zurück bis ins Jahr 1999. Damals fuhr ein 19-Jähriger mit dem Zug für ein Wochenende nach Travemünde. Viele der Schauplätze von Go Your Own Way liegen in Lübeck und Umgebung. Kurz nach dieser Reise entstand die erste Idee zu einer Geschichte, die mit einer einfachen Frage begann:

    Was wäre gewesen, wenn …?

    Aus dieser Frage wurden erste Texte. Aus den Texten wurde ein Manuskript. Und viele Jahre später schließlich ein Roman.

    Als ich 25 Jahre später erneut nach Travemünde fuhr, waren mir viele Orte noch vertraut. Gleichzeitig wusste ich, dass Erinnerungen trügerisch sein können. So wie sich der kleine Laden an der Ecke oder das Postamt am Heimatort im Laufe der Jahre verändern, verändert sich auch eine Stadt.

    Hinzu kam eine Reise nach Finnland Anfang dieses Jahres. Die Fähre legte ausgerechnet in Travemünde ab.

    Allerdings mitten in der Nacht und gemeinsam mit meiner Familie. Für einen kurzen Moment war die Welt von Nick, Lucy und Miriam wieder ganz nah, doch für eine echte Spurensuche blieb keine Zeit.

    So entstand die Idee, noch einmal bewusst nach Lübeck und Travemünde zu reisen. Nicht nur, um Fotos zu machen oder Straßennamen zu überprüfen.

    Überfahrt mit der Priwall-Fähre zwischen Travemünde und Priwall
    Die Priwall-Fähre: 5 Minuten Überfahrt, die Nick und Miriam für intensive Gespräche nutzen

    Sondern um die Atmosphäre wiederzufinden, aus der Go Your Own Way entstanden ist. Den Wind am Meer. Die Wege entlang der Trave. Die Fähren. Die Musik. Und das Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve vielleicht ein kleines Abenteuer wartet.

    Zurück an die Schauplätze

    Eigentlich begann die Reise schon einige Wochen früher.

    Auf dem Weg nach Finnland fuhr ich nachts über dieselben Autobahnen, die auch Nick in Go Your Own Way entlangfährt. Je weiter die Strecke nach Norden führte, desto vertrauter fühlte sich vieles an. Die Raststätten. Die langen Abschnitte im Dunkeln. Das Gefühl, unterwegs zu sein, während der Rest der Welt schläft.

    Irgendwo zwischen Süddeutschland und der Ostsee musste ich mehrfach an die Szene denken, in der Nick der Anhalterin Lucy begegnet. Es waren genau die Orte, an denen sie hätte stehen können.

    Backsteinhäuser in Lübeck-St. Jürgen, Inspiration für Lucys Wohnumfeld im Roman
    Hier beginnt für mich die Welt von Lucy. Aus einem realen Stadtteil wurde nach und nach ein Schauplatz des Romans.

    Kurz vor Hamburg geriet ich in einen Schneesturm. Die Sicht wurde schlechter, die Fahrbahn verschwand zeitweise hinter wirbelnden Flocken. Unwillkürlich musste ich an die Regenszene in Nicks Ente denken. An diese Mischung aus Freiheit und leichtem Kontrollverlust, die lange Autofahrten manchmal mit sich bringen.

    Die eigentliche Spurensuche begann jedoch erst einige Wochen später.

    Diesmal führte mich die Reise nicht direkt zum Skandinavienkai. Stattdessen setzte ich den Blinker Richtung Lübeck-Zentrum und fuhr in den Stadtteil St. Jürgen.

    Hier beginnt für mich die Welt von Lucy.

    Natürlich existiert die Figur nur auf dem Papier. Doch irgendwo zwischen den Straßen, den alten Häusern und den grünen Uferwegen liegt der Ort, an dem ich mir ihr Zuhause vorgestellt habe. Hierhin steuert Nick seine Ente. Hier wartet Lucy auf das nächste Wochenende. Und hier wurde aus einer realen Stadt nach und nach ein Schauplatz des Romans.

    Die Schauplätze von Go Your Own Way

    Im Laufe der Reise besuchte ich viele Orte, die Eingang in den Roman fanden. Einige davon werde ich in eigenen Beiträgen genauer vorstellen:

    • Travemünde
    • Priwall
    • Segelclub Passat
    • Strand
    • Passat (Viermastbark)
    • Lübeck
    • Wakenitz

    Warum reale Orte wichtig sind

    Viele der Orte in Go Your Own Way existieren tatsächlich. Die Priwall-Fähre. Die Passat. Die Promenade von Travemünde. Die Altstadt von Lübeck.

    Trotzdem ging es mir bei dieser Reise nicht darum, Straßennamen zu überprüfen oder Entfernungen nachzumessen.

    Viel wichtiger war eine andere Frage:

    Ist die Atmosphäre noch da?

    Kann man sie noch spüren?

    Orte verändern sich. Manchmal bleiben nur Fassaden zurück. Udo Lindenberg beschreibt die Reeperbahn einmal als eine „Kulisse für nen Film, der nicht mehr läuft“. Genau das wollte ich herausfinden: Ist die Atmosphäre noch da oder nur die Kulisse?

    Kopfsteinpflaster und Backsteinhäuser in Lübeck-St. Jürgen
    Viele Orte haben sich verändert. Andere wirkten genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Dazwischen lagen die spannendsten Entdeckungen dieser Reise.

    Ich wollte hören, wie der Wind zwischen den Masten pfeift. Ich wollte den Geruch von Meerwasser und Hafenluft wieder in der Nase haben. Ich wollte erleben, wie sich ein Spaziergang am Abend anfühlt, wenn die Lichter der Schiffe auf dem Wasser tanzen und irgendwo in der Ferne eine Fähre ablegt.

    Denn genau aus solchen Eindrücken entstehen Szenen.

    Nicht aus Stadtplänen oder Satellitenbildern.

    Als Autor kann man vieles recherchieren. Man kann Karten studieren, Fotos ansehen und Reiseberichte lesen. Aber das Gefühl eines Ortes lässt sich nur schwer aus zweiter Hand erleben.

    Manchmal reicht ein kurzer Moment, um sich wieder an etwas zu erinnern. Das Knarren eines Stegs. Das Kreischen einer Möwe. Das Geräusch einer Fähre beim Anlegen.

    Plötzlich ist eine Szene wieder da.

    Oder eine Figur.

    Oder ein Satz, den man längst vergessen glaubte.

    Die Reise nach Lübeck und Travemünde war deshalb weniger eine Recherche im klassischen Sinn. Sie war eher eine Rückkehr zu den Orten, aus denen die Welt von Go Your Own Way entstanden ist.

    Und siehe da:

    Es gab einige Überraschungen.

    Ferienhäuser zwischen Kiefern auf dem Priwall, früherer Schauplatz des Romans
    In dem Kiefernwald stehen heute Ferienhäuser. Wo soll Nick heute seinen Schlafsack ausbreiten?

    Manche Orte wirkten beinahe unverändert. Die Passat liegt noch immer an ihrem Platz. Die Fähre pendelt weiterhin zwischen Travemünde und Priwall. Andere Schauplätze dagegen haben sich stärker verändert, als ich erwartet hatte.

    Besonders überrascht war ich vom Kiefernwald am Priwall. Im Roman verbringen Nick und Miriam dort ihre erste Nacht unter freiem Himmel. Heute prägt eine Ferienhaussiedlung große Teile des Geländes. Einige der alten Kiefern stehen noch immer dort. Doch die Frage ließ mich nicht los:

    Wo würde Nick heute eigentlich seinen Schlafsack in den Sand werfen?

    Mehr dazu in den folgenden Beiträgen über die Schauplätze von Go Your Own Way.

    Fazit

    Go Your Own Way ist eine erfundene Geschichte. Die Orte dahinter sind jedoch sehr real. Und vielleicht liegt genau darin ein Teil ihres Zaubers.

  • In der Chefredaktion gehts um Musik, Leute und Geschichten

    In der Chefredaktion gehts um Musik, Leute und Geschichten

    Gestern wurde ich in die Chefredaktion von Radio Sthörfunk gewählt. Das klingt nach „Amt“. Für mich fühlt es sich eher an wie: eine neue Tür geht auf.

    Das habe ich nicht gemacht, weil ich irgendeinen Titel brauche, sondern weil ich dadurch den Sendeplan mitgestalten kann und näher an das komme, was mich wirklich interessiert: die Menschen hinter der Musik.

    Mich beschäftigt schon lange weniger die Frage, was jemand hört, sondern warum.

    Warum machen Menschen Radio? Warum investieren sie Zeit, Herz und Nerven in eine Sendung? Warum genau diese Musik, dieses Genre, dieser Sound? Und warum ist ihnen so wichtig, das zu teilen, anderen näherzubringen, dafür zu brennen?

    Ein „Hör dir das mal an“ ist ja oft mehr als ein Tipp. Manchmal heißt es auch: „So fühle ich.“ Oder: „Das war wichtig für mich.“ Oder einfach: „Versteh mich kurz.“

    Genau das will ich kennenlernen: die Beweggründe, die Geschichten, die Eigenheiten. Und ja, das nimmt Einfluss auf mein Schreiben. Figuren werden glaubwürdiger, wenn ihre Musik nicht nur Deko ist, sondern ein Motiv hat. Szenen bekommen einen besseren Rhythmus, wenn ich verstehe, wann Musik trägt und wann Stille mehr sagt.

    Ich werde hier im Blog ab und zu festhalten, was ich dabei lerne, ohne Interna, ohne Namen, aber mit der Neugier, die mich da überhaupt reingezogen hat.

  • Wenn Figuren mitsingen: Liedtexte, Zitatrecht und Urheberrecht

    Wenn Figuren mitsingen: Liedtexte, Zitatrecht und Urheberrecht

    Romane lieben Musik. Figuren hören Songs, sie verheddern sich in Refrains, sie hängen an einer Zeile, als wäre sie ein kleiner Schlüssel zum eigenen Innenleben. Verständlich, dass man als Autor am liebsten genau diese Worte ins Buch holen würde.

    Nur: Liedtexte sind in der Regel urheberrechtlich geschützt. Und ein Roman (Print, E-Book, Hörbuch, Website-Leseprobe) ist rechtlich gesehen keine Privat-Playlist, sondern eine Veröffentlichung.

    Hinweis: Das ist keine Rechtsberatung, sondern eine Orientierung mit Gesetzesstellen zum Nachlesen.

    Warum Songtexte juristisch „heikel“ sind

    Wenn ich Songzeilen abdrucke, berühre ich regelmäßig Verwertungsrechte wie:

    • Vervielfältigung (du druckst/kopierst Text ins Buch) nach § 16 UrhG.
    • bei Online-Veröffentlichung zusätzlich oft öffentliche Zugänglichmachung nach § 19a UrhG.

    Und wenn das ohne Erlaubnis passiert, können Ansprüche auf Unterlassung und Schadensersatz im Raum stehen (klassisch: § 97 UrhG).

    Zitatrecht ist kein Deko-Schlüssel

    Der bekannteste Rettungsring ist das Zitatrecht. Das steht in § 51 UrhG und erlaubt Zitate nur, wenn ein Zitatzweck vorliegt und der Umfang dadurch gerechtfertigt ist.

    Praktisch heißt das: Eine Songzeile „nur für Stimmung“ ist oft schwer als Zitat zu begründen. Wenn ich aber z.B. die Zeile analysiere, interpretiere, als Beleg diskutiere (innere Verbindung zu meiner eigenen Aussagen), wird es plausibler.

    Der entspannte Sonderfall: Gemeinfreiheit (70 Jahre p.m.a.)

    Manchmal gibt es einen Weg ohne Lizenzstress: gemeinfreie Texte.

    Die Faustregel im deutschen Urheberrecht: Das Urheberrecht erlischt 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers (§ 64 UrhG).
    Dann darf das Werk grundsätzlich frei genutzt werden.

    Und genau hier kommt unser Beispiel ins Spiel.

    Beispiel: „Der Mond ist aufgegangen“ im Romantext (gemeinfreies Liedzitat)

    Szene (die nicht im Roman auftaucht) als Beispiel:

    Die Ente stand da, als hätte sie selbst Feierabend. Der Motor tickte leise nach, irgendwo klapperte etwas Metallisches im Wind, und in der Scheibe spiegelte sich mein Gesicht wie ein schlecht gelauntes Aquariumfoto.

    Miriam lehnte am Fenster, zog die Kapuze tiefer und summte erst, dann sang sie, ganz ruhig, als wäre das Lied schon immer hier gewesen:

    „Der Mond ist aufgegangen,
    die goldnen Sternlein prangen“

    Ich nickte, als würde ich mich auskennen. Tat ich aber nur so. In meinem Kopf war das Lied eine dieser Schubladen, die man seit Jahren nicht aufgemacht hat, und jetzt klemmt sie.

    „Kenn ich“, sagte ich.

    „Dann sing doch mit“, meinte Miriam und grinste, ohne mich anzusehen.

    Ich räusperte mich, nahm einen Anlauf wie vor einem Bass-Solo und setzte ein: „Der Mond ist… auf… gegangen…“ Ich traf die Melodie ungefähr so präzise wie ein Einkaufswagen ein Parkticket.

    Miriam hielt tapfer durch. Wirklich tapfer. Dann kam mein Einsatz, den ich unbedingt retten wollte, und ich warf alles rein, was ich hatte:

    „…die goldnen Sternlein… pranken?“

    Stille.

    Miriam drehte langsam den Kopf zu mir. „Pranken“, wiederholte sie.

    „Ich weiß nicht“, verteidigte ich mich. „Vielleicht sind das so… sehr muskulöse Sterne.“

    Sie prustete los, richtig, mit Schultern wackeln und einem Lachen, das die Scheibe kurz wieder frei atmen ließ. Und ich merkte, wie das, was eben noch schwer war, plötzlich ein bisschen leichter wurde. Nicht weg. Aber tragbar.

    „Sternlein prangen“, sagte sie schließlich.

    „Okay“, murmelte ich. „Dann prangen sie halt. Aber wenn mal einer prankt, sag ich’s dir.“

    „Deal“, sagte Miriam, und der Mond draußen tat so, als hätte er uns gehört.

    Warum dieses Beispiel rechtlich deutlich entspannter ist

    Der Text „Der Mond ist aufgegangen“ geht auf Matthias Claudius (1740–1815) zurück.
    Da Claudius seit weit mehr als 70 Jahren verstorben ist, ist der Originaltext nach der Grundregel der Schutzdauer (§ 64 UrhG) gemeinfrei.

    Der typische Stolperdraht (bitte nicht übersehen)

    Auch wenn das Original gemeinfrei ist: Moderne Bearbeitungen (modernisierte Rechtschreibung, gekürzte/umformulierte Strophen, redaktionell „glattgezogene“ Fassungen) können wieder eigene Schutzrechte auslösen. Deshalb:

    • Verwende nach Möglichkeit eine verlässliche Vorlage des Originaltexts (oder eine seriöse Edition).
    • Wenn du eine veröffentlichte Liedfassung zitierst: prüfe, ob sie Bearbeitungen enthält.

    Als gut nachprüfbarer Abdruck findest du den Text z.B. auch in kirchlichen Liedsammlungs-Kontexten.

    Beispiel für eine saubere Kennzeichnung im Buch oder Blog:
    „Der Mond ist aufgegangen“ (Abendlied), Text: Matthias Claudius (1740–1815), gemeinfrei.

    Wenn du doch moderne Songzeilen brauchst: Lizenz statt Hoffen

    Wenn du bei zeitgenössischen Songs Originalzeilen willst, ist der rechtlich sauberste Weg meist Rechte einholen (Lizenz). Gesetzlich ist die Grundlage, dass Nutzungsrechte eingeräumt werden können (siehe § 31 UrhG).
    In der Praxis läuft das oft über Musikverlage/Publisher.

    Praxis-Tipps: Musikgefühl ohne Lyrics

    Wenn du „Soundtrack-Feeling“ willst, ohne Songtext zu drucken:

    • Songtitel + Interpret nennen (oft deutlich unkritischer als Lyrics).
    • Wirkung beschreiben statt zitieren: Was löst der Song in der Figur aus? Welche Erinnerung? Welche Körperreaktion?
    • Eigene Zeilen schreiben, die wie ein Song klingen, aber keiner sind.
    • Oder: gemeinfreie Lieder als bewusster Stilkniff nutzen (wie oben).

    Kurz-Fazit

    Moderne Songtexte: oft Risiko ohne Lizenz, Zitatrecht nur bei echtem Zitatzweck.

    Gemeinfreie Texte: super Option, wenn du echte Zeilen brauchst. Schutzdauer-Regel: § 64 UrhG.

    Online-Auszüge erhöhen die Relevanz digitaler Nutzungsrechte (u.a. § 19a UrhG).

  • Testleser im Einsatz: Wie drei Stimmen aus meinem Manuskript einen besseren Roman machen

    Testleser im Einsatz: Wie drei Stimmen aus meinem Manuskript einen besseren Roman machen

    Wozu brauche ich Testleser?

    Mit dem Schreiben ist es ein bisschen wie mit dem Radiomachen.

    Du sitzt alleine in deinem Zimmer, formulierst Sätze, baust emotionale Gebilde und hoffst, dass irgendwo jemand sein wird, den es interessiert.

    Und spätestens beim Überarbeiten merke ich, dass ich nicht meine eigene Zielgruppe bin. Und selbst, wenn ich beim Schreiben „an den Leser“ denke, lese ich meine Geschichten nie so unbedarft und frisch wie jemand, der zum ersten Mal „Okay, das war´s dann wohl!“ liest.

    Zudem brauche ich Feedback um mein Tun selbst einordnen zu können. Sätze die für mich wie ein literarisches Feuerwerk sind, wirken für andere eher wie ein Teelicht. Dagegen werde ich vielleicht für Formulierungen gelobt, die ich einfach im Flow geschrieben habe, ohne viel nachzudenken.

    Testleser sind also mein Realitätscheck.

    Ist das glaubwürdig? Kommen die Gefühle an? Ist die Figur glaubwürdig?

    Meine Testleseteam

    Aktuell habe ich drei Testleserinnen. Hinzu kommt ein männlicher Testleser, der mir Feedback zu den ersten vier Kapiteln gegeben hat. (Wenn du Lust hast, als Testleser einzusteigen: melde dich gern, ich freue mich über Verstärkung.)

    Die studierte Fachfrau

    Eine meiner Testleserinnen hat Deutsch studiert. Ich kenne sie so gut, dass ich ihre Kritik nicht als Angriff höre, sondern als: Werkzeug auf den Tisch.
    Sie ist stark bei:

    • Sprache, Rhythmus, Klarheit
    • Logikfehlern und unsauberen Übergängen
    • Stellen, die “gut klingen”, aber beim Lesen stolpern lassen.

    Ihr Feedback fühlt sich manchmal an wie ein präzises Nachziehen von Schrauben: nicht spektakulär, aber danach klappert nichts mehr.

    Die zielgruppenrelevante Leseratte

    Die zweite Testleserin gehört direkt der Zielgruppe an und bezeichnet sich selbst als Leseratte. Sie zeigt mir, wie heutige Jugendliche ticken, und genau das ist Gold wert:

    • Wo wird es langweilig?
    • Was klingt altbacken, oder gewollt jugendlich?
    • Welche Figur nervt (und warum)?
    • Welche Szene wirkt “gemacht” statt “passiert”?

    Das ist der Blick, den man selbst am schwersten simulieren kann, weil man die eigene Geschichte ja schon kennt.

    Die Autorin mit dem Riecher für modernes Schreiben

    Die dritte Testleserin hat bereits selbst ein Buch veröffentlicht und dadurch ein gutes Gespür für aktuelle Lesegewohnheiten und Trends.

    Sie achtet besonders auf:

    • Tempo und Szenenlängen
    • Erwartungshaltungen heutiger Leser und Lektoren
    • typische “Hänger”, die man früher eher verziehen hat, heute aber schneller wegklickt

    Sie ist die Stimme, die mir manchmal sagt: „Das ist schön, aber zeig es, statt zu erklären.“

    Mein Feed-Backsystem

    Anfangs habe ich jede Kritik meiner Testleserinnen für die einzig wahre Meinung gehalten und sofort umgesetzt, bis ich gemerkt habe, dass ich damit am Ende Texte produziere, die dieser Testleserin gefallen, aber im schlechtesten Fall vielleicht nichtmehr mir. Daher wird jeder Einwand von mir wie folgt geprüft:  

    1. Essenziell oder Geschmackssache?
    2. Stehe ich als Autor dahinter?
    3. Wird es dadurch in meinen Augen besser?

    Ganz wichtig dabei: Ich lege nicht überall sofort Hand an und ändere gleichzeitig an mehreren Stellen Sonst verkommt der Text zum Flickenteppich mit guten Absichten.

    Wenn es menschelt: Zwischenfeedbacks, die mir wirklich helfen

    Zwischenfeedbacks, die mir wirklich helfen

    Am spannendsten sind für mich die spontanen Reaktionen zwischendurch – diese Sätze, die nicht „nett“ sein wollen, sondern zeigen, dass die Geschichte bei jemandem arbeitet. Ein paar O-Töne aus meiner aktuellen Testleser-Runde (natürlich anonym):

     „Kommt Lucy wieder?“

      „Ich hoffe, Nick und Miriam finden bald zusammen!“

      „Ich war froh, als diese aufmüpfige Lucy endlich wieder ausgestiegen ist.“

      „Miriam nervt – die soll Nick endlich mal sagen, was sie denkt!“

    Ich liebe diese Gegensätze. Sie zeigen mir erstens, dass Figuren nicht egal sind (Lucy polarisiert ganz offensichtlich), und zweitens, wo gerade Druck auf der Beziehungsschiene entsteht (Nick/Miriam). Wenn jemand ungeduldig wird, ist das für mich kein Befehl nach dem Motto „Mach schneller“, sondern ein Hinweis: Entweder muss die innere Logik klarer werden, oder ich muss die Spannung bewusster führen. Genau an solchen Stellen fängt für mich die eigentliche Überarbeitung an.

    Mein Fehler am Anfang: zu viele ungeschulte Testleser

    Als die erste Fassung von „Go Your Own Way“ fertig war, habe ich einen klassischen Anfängerfehler gemacht:
    Ich habe das Manuskript vielen Menschen gegeben, die mir nah stehen.

    Das Feedback war oft freundlich, aber… weich:
    „Ja, gefällt mir.“
    „Schön!“
    „Ist gut geschrieben.“

    Ich verstehe das gut. Wer will schon jemandem, den er mag, vor den Kopf stoßen?
    Nur: Für ein Manuskript ist “gefällt mir” leider nicht wirklich hilfreich.

    Klasse statt Masse (mein Learning)

    Ich habe daraus gelernt: Für echte Fortschritte brauche ich nicht viele Stimmen, sondern wenige, aber belastbare Rückmeldungen. Menschen, die:

    • ehrlich sind (auch wenns weh tut)
    • begründen können, warum etwas wirkt oder nicht
    • mir nicht nur sagen, dass etwas hakt, sondern wo und wie

    Seitdem fühlt sich Überarbeiten weniger nach Testballon an, sondern nach gezieltem Navigieren.

    Wenn du mitlesen willst

    Grundsätzlich suche ich gerne weitere Testleser, besonders wenn du:

    • YA/Coming-of-Age magst
    • Lust hast mir ein ehrliches Feedback zu geben (gern auch kritisch)
    • und Spaß daran hast, eine Geschichte beim Werden zu begleiten

    Wenn dich das interessiert: Schreib mir (Kontaktseite / Kommentar / Mail, wie du es handhabst).
    Ich melde mich dann mit Infos, Umfang und Vorgehen.

    Danke

    Zu guter Letzt: Danke an meine drei Testleserinnen – und an meinen bisherigen Testleser zu den ersten vier Kapiteln. Ihr seid so etwas wie meine Navigationssatelliten beim Schreiben: Ihr seht Dinge, die ich mit den Händen am Lenkrad übersehe. Mal ist es ein Loch im Asphalt, mal eine Bodenwelle die Tempo nimmt, mal ein Satz, der zwar gut klingt, aber keine Aussage hat. Ohne euch wäre die Überarbeitung deutlich mehr Fahren im Nebel. Danke, dass ihr Zeit, Konzentration und ehrliche Reaktionen investiert.

  • Werkstattbericht 1 · Schleifen, polieren, ausbessern · Go your own way ·01/2026

    Werkstattbericht 1 · Schleifen, polieren, ausbessern · Go your own way ·01/2026


    Kurzstand

    Im Moment befinde ich mich in der Phase, die sich weniger nach „Schreiben“ anfühlt und mehr nach Schreinerwerkstatt: Schleifen, Polieren, ausbessern: Ich überarbeite „Go Your Own Way“, um eine Version zu haben, die ich auf Anfrage an Verlage schicken kann, ohne noch hektisch an tausend Stellen drehen zu müssen.

    Woran ich gerade arbeite

    • Spannungsfluss & Tempo: Szenen so anordnen und zuschneiden, dass sie sich „wie aus einem Guss“ lesen.
    • Ton & Rhythmus: Sätze straffen, Wiederholungen raus, Gefühle nicht erklären, sondern zeigen.
    • Übergänge: Besonders zwischen Kapiteln, Dialogen und Ortswechseln soll das Ganze sauber „klicken“.

    Change-Log (seit dem letzten Update)

    • ✅ Die ersten 4 Kapitel (Leseprobe) sind diamantenklar geschliffen, wie ich sie haben will
    • ✅ Einige Nebenstränge der Handlung wurden gekürzt, um den Hauptplot zu stärken
    • 🔁 Ein weiteres Kapitel ist in Arbeit, um später auftauchende Figuren besser zu integrieren.

    Stand heute

    Das erste Drittel nähert sich der Endfassung, und das fühlt sich gut an, aber auch anspruchsvoll: In dieser Phase ist jede Änderung klein, aber entscheidend. Die Herausforderung ist gerade, nicht aus Perfektionismus wieder alles „aufzumachen“, was eigentlich schon trägt.

    Werkstatt-Notiz

    Am Mittwoch bekam ich ein Feedback von meiner 17-jährigen Testleserin, (ich habe 3 Testleserinnen, mehr darüber bald in einem sepaten Beitrag), das mir half aber auch etwas weh tat. Sie meinte: „Ich hab verstanden, dass Nick Musik mag, das muss nicht in jede Metapher und jeden Vergleich.“ Touché! Ich war wohl zu fleißig ;). Also nochmal alles durchsehen und die „Akkordsymbolik“ mit 240er Sandpapier bearbeiten.

    Satz der Woche: „Dranbleiben, auch wenn ich lieber kreativ arbeiten möchte!“

    Nächste Etappe

    1. 2/3 polieren.
    2. Auf Verlagssuche gehen

    Wenn du solche Einblicke magst: Ich poste in unregelmäßigen Abständen weitere Werkstattberichte.

  • Die Ente als Nebenfigur – Warum fährt Nick einen 2CV?

    Die Ente als Nebenfigur – Warum fährt Nick einen 2CV?

    Warum der Citroën 2CV mehr ist als ein Auto: Symbolik, Humor, Geräusche, „Roadtrip-Gefühl“

    Manche Autos sind Fortbewegungsmittel. Und manche sind Mitreisende. Der Citroën 2CV gehört zur zweiten Sorte. In Go Your Own Way ist die „Ente“ nicht einfach ein Fahrzeug, das Nick von A nach B trägt. Sie ist Kulisse, Katalysator, Gesprächspartnerin ohne Worte. Eine Nebenfigur auf vier Rädern, die knarzt, schaukelt, riecht, klappert und damit etwas schafft, was glatte Neuwagen selten hinbekommen: Sie schreibt Atmosphäre.

    Und vielleicht ist das auch der Grund, warum die Ente bei mir nicht erst im Roman auftauchte, sondern viel früher. In der Familiengeschichte.


    1) Familienerbstück auf Rädern: Rot, Orange, Gelb

    Meine Eltern fuhren selbst Ente, als sie jung waren. Erst eine rote, später eine orangefarbene, zuletzt eine gelbe Kastenente. Schon diese Farbreihe ist wie ein kleines Lebensgefühl in Lack: nicht „dezent“, sondern entschieden. Kein Auto, das sich versteckt. Eher eins, das sagt: Ich bin hier, und ich bin ein bisschen anders, aber genau darum geht’s.

    Wenn man so aufwächst, wird die Ente zu einem inneren Geräusch. Zu einem Bild, das mehr bedeutet als Blech: Sommer, Leichtigkeit, Improvisation. Und dieses „Improvisations-Gen“ ist später beim Schreiben Gold wert, weil es sofort eine Tonart vorgibt: warm, menschlich, leicht schräg.


    2) Nicks Ente und die Wahrheit dahinter

    Die Anekdote, wie Nick zu seiner Ente kam, entspricht in Details der Wahrheit. Und genau das merkt man solchen Szenen an: Sie haben diesen kleinen Widerstand gegen Erfindung, dieses „So war’s eben“.

    Bei mir beginnt alles mit einem grünen Exemplar auf dem Lehrerparkplatz. Der stellvertretende Schulleiter und Lehrer für Rechnungswesen an meiner Schule, Herr Schumann, fuhr eine grüne Ente. Jeden Morgen stand dieses Vehikel da, wie ein freundlicher Fremdkörper zwischen Alltagsautos. Ich selbst wurde nicht von ihm unterrichtet, weil ich im Französisch-Zweig war, aber die Ente kannte ich trotzdem. Sie war da. Jeden Tag. Wie ein wiederkehrendes Motiv.

    Nach dem Schulabschluss machte ich mit meinen Eltern Urlaub in Südfrankreich. Rückblickend passt das fast zu gut: Französisch-Zweig, Südfrankreich, Ente. Manche Motive suchen sich ihre Menschen.

    Als ich zurückkam, erfuhr ich: Herr Schumann hatte die Ente verschrotten lassen, weil er niemanden gefunden hatte, der sie übernehmen wollte. Und dann passierte dieser typische, schmerzlich-nette Gedanke: Was wäre gewesen, wenn ich da gewesen wäre? Wenn ich es gewusst hätte. Wenn ich gefragt hätte. Wenn ich einen Satz früher abgebogen wäre in eine andere Version meines Lebens.

    Genau diese „Was-wäre-wenn“-Energie ist pures Romanmaterial. Nicht als Drama, sondern als feine, menschliche Melancholie. Und gleichzeitig ist da Humor drin, weil es eben auch absurd ist: Da steht jahrelang ein Symbol auf dem Parkplatz, und erst wenn es weg ist, begreift man, wie sehr man es mochte. Im Roman bekommt Nick diese zweite Chance: Er ist zur richtigen Zeit da, fragt nach, übernimmt, bevor es zu spät ist. So wird die Ente nicht zur schrulligen Marotte, sondern zu einem kleinen Schicksalsmoment.


    3) „Warum fährt Nick eine Ente?“ Die Testleserfrage

    Ich werde immer wieder gefragt: „Warum fährt Nick ausgerechnet eine Ente?“ Und oft hängt gleich die zweite Frage dran, offen oder unausgesprochen: „Kann man sich heute überhaupt vorstellen, dass ein 19-Jähriger so ein Auto fährt?“

    Ich verstehe den Reflex. Für viele wirkt das erstmal „zu speziell“. Ein VW Käfer oder ein Mini Cooper wären in der Retro-Schublade naheliegender. Beide sind ikonisch, beide sind bekannt, beide sind sofort „cool“. Aber genau da liegt der Punkt: Nick soll nicht cool wirken. Nick soll frei wirken. Und dafür ist die Ente schlicht das bessere Fahrzeug, weil sie sich im Text wie eine Nebenfigur verhält und nicht wie ein Accessoire.

    • Der Käfer trägt in Deutschland einen riesigen Mythos im Gepäck. Manchmal so groß, dass er Szenen übertönt.
    • Der Mini (in der heutigen Wahrnehmung oft der moderne MINI) erzählt eher „Style“ und Stadt, weniger „unterwegs sein“.
    • Die Ente dagegen ist ein Anti-Status-Symbol. Sie sagt nicht „Schaut her“, sondern „Kommt mit“. Sie ist langsam genug, um die Welt wahrzunehmen, und eigen genug, um Gespräche zu provozieren.

    Und zur Plausibilität: Ja, ein 19-Jähriger in einer Ente ist heute ungewöhnlicher als früher. Aber ungewöhnlich ist nicht unglaubwürdig, wenn man es erdet. Deshalb hat Nicks Ente eine Herkunft, die nicht nach „Oldtimerkauf“ klingt, sondern nach „Gelegenheit, Rettung, Geschichte“. Außerdem passt sie zu Nicks Charakter: nicht statusgetrieben, eher romantisch, praktisch, ein bisschen DIY. Und sie hat Konsequenzen. Die Ente schenkt Freiheit, aber sie fordert auch Geduld, Hände, Zeit. Genau das macht sie real.


    4) Symbolik: Freiheit mit Beulen

    Im Roman steht Nicks Ente für eine Freiheit, die nicht geschniegelt ist. Keine Hochglanzfreiheit, die nach Leasing riecht, sondern eine, die auch mal nach feuchter Decke und altem Sommer duftet.

    Die Ente ist das Gegenteil von „alles unter Kontrolle“. Sie ist:

    • Freiheit, die klappert,
    • Mut, der langsam anläuft,
    • Romantik, die keine Pose braucht.

    Und sie passt zu Nick, weil Nick nicht der Typ „perfekte Lebensplanung“ ist. Eher der Typ „Ich fahr los, und unterwegs wird’s wahr“.


    5) Humor: Das Auto als Comedy-Partner

    Die Ente hat komisches Timing. Nicht aktiv, aber spürbar. Sie liefert Situationen, in denen Figuren automatisch echter werden:

    • Türen, die man mit zärtlicher Gewalt schließen muss.
    • Fenster, die lieber nur halb zustimmen.
    • Ein Geräusch, das klingt, als würde irgendwo ein kleines Orchester aus Schrauben proben.

    Das ist Humor, der nicht als Witz geschrieben wird, sondern aus der Sache selbst kommt. Und der sorgt dafür, dass Szenen leichter atmen. Selbst wenn gerade etwas Schweres passiert, bleibt die Welt nicht steril.


    6) Geräusche: Klangteppich statt Sounddesign

    Moderne Autos sind akustisch gedämpfte Kapseln. Die Ente ist das Gegenteil: Sie lässt die Welt rein. Und sie macht selbst Musik.

    Da ist das typische:

    • Rappeln, wenn der Untergrund grob wird.
    • Schaukeln, als würde das Auto mitdenken.
    • Wind, der irgendwo entlangpfeift, weil „Dichtung“ eher ein Vorschlag als ein Zustand ist.

    Im Schreiben sind solche Geräusche mehr als Kulisse. Sie sind Emotionsträger. Wenn Nick müde ist, klingt das Rattern anders. Wenn er euphorisch ist, wird das Klappern zum Rhythmus. Die Ente kommentiert, ohne zu sprechen.


    7) Roadtrip-Gefühl: Geschwindigkeit ist nicht das Thema

    Roadtrip heißt nicht: schnell. Roadtrip heißt: unterwegs sein.

    Die Ente zwingt zu einer anderen Art von Zeit. Man plant weniger, man nimmt Umwege eher hin, man schaut mehr raus. Es ist ein Auto, das nicht nach „Ziel“ schreit, sondern nach „Strecke“. Genau deshalb funktioniert sie als Nebenfigur: Sie macht aus einer Fahrt eine Szene. Aus Kilometern eine Stimmung.

    Vielleicht ist das die größte Symbolik: Die Ente ist ein Vehikel für Übergänge. Für dieses Dazwischen, in dem sich Figuren verändern, ohne dass sie es sofort merken.


    8) Warum sie als Nebenfigur wirkt

    Nebenfiguren erkennt man daran, dass man sie vermisst, wenn sie fehlen. Die Ente gibt dem Roman:

    • Wiedererkennbarkeit (Running Gag, Anker, vertrautes Geräusch)
    • Körperlichkeit (Geruch, Geräusch, Wärme, Kälte, Bewegung)
    • Haltung (nicht perfekt, aber echt)

    Und sie verbindet mein eigenes „Vorleben“ mit der Romanwelt: die Enten meiner Eltern, die grüne Ente von Herrn Schumann, die Südfrankreich-Reise, das Was-wäre-wenn. All das steckt in Nicks Ente wie in einem Handschuhfach, in dem mehr liegt als ein Warndreieck.


    9) Kein Radio ab Werk und genau deshalb passt es so gut

    Letzte Woche bin ich über ein Detail gestolpert, das die Ente für Nick noch „richtiger“ macht: Im Originalzustand hatte der 2CV ab Werk kein Radio.
    Ein Auto, das klappert wie eine Percussion-Sektion, aber musikalisch erst mal stumm bleibt. Und ausgerechnet Nick soll das fahren, für den Musik nicht Hobby ist, sondern Lebensmittel.

    Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass mein Vater mit uns im 2CV ohne musikalische Untermalung an die Côte d’Azur gefahren ist. Also hab ich ihn gefragt und bekam diese herrlich schlichte Antwort:

    „Gab keines ab Werk
    Soweit ich weiß
    Wir haben einfach ein Radio beim Armaturenbrett, reingeschraubt.“

    Ich liebe das, weil es die Ente perfekt zusammenfasst: nicht „Komfortpaket“, sondern „Mach’s dir passend“. Und es passt genauso perfekt zu Nick. Er wartet nicht darauf, dass die Welt ihm den Soundtrack liefert. Er baut ihn sich. Notfalls mit zwei Schrauben, einem Kabel und der festen Überzeugung, dass Stille zwar schön sein kann, aber nicht auf jeder Fahrt.

    Und plötzlich ist die Ente nicht nur Roadtrip, Symbolik und Geräusch. Sie ist auch ein kleines Statement: DIY ist hier keine Bastelromantik, sondern eine Form von Freiheit.


    Schluss: Eine Ente, die mehr kann als fahren

    Der Citroën 2CV ist in Go Your Own Way nicht einfach ein Auto. Er ist ein Ton. Eine Farbe. Ein Gefühl. Eine kleine, klappernde Philosophie auf Rädern: Dass Unperfektheit Charme hat. Dass Freiheit nicht geschniegelt sein muss. Und dass manche Dinge erst dann richtig Bedeutung bekommen, wenn sie (fast) verschwunden sind.

    Vielleicht ist das die eigentliche Pointe:
    Die Ente fährt nicht nur durch die Handlung. Sie fährt durch Nicks Innenleben. 🦆💛

  • Wie aus einer Wochenendreise an die Ostsee eine Romanreihe wurde

    Wie aus einer Wochenendreise an die Ostsee eine Romanreihe wurde


    Manchmal weiß man schon im Moment selbst, dass etwas Besonderes passiert. Manchmal merkt man es erst Jahre später, wenn man zurückschaut und feststellt: Da hat etwas angefangen, das ich damals noch gar nicht benennen konnte.
    So war es bei mir mit einer unscheinbaren Wochenendreise ans Meer.

    Ein Wochenende, das eigentlich nur eine Auszeit sein sollte

    Am Anfang stand kein großer Plan, kein „Ich fahre jetzt los, um Material für einen Roman zu sammeln“. Es war einfach ein Wochenende: raus aus dem Alltag, ans Wasser, ans Meer. Egal wohin – Hauptsache weg, um mal etwas anderes zu sehen.

    1998 saß ich an einem Donnerstagabend vor der Webseite der Deutschen Bahn und recherchierte, welche Stadt am Meer am schnellsten mit dem Zug und dem „Schönes-Wochenende-Ticket“ zu erreichen war. In die engere Wahl kamen Wilhelmshaven an der Nordsee und Travemünde an der Ostsee.

    Nach einem Anruf in der Jugendherberge in Wilhelmshaven, bei dem ich nicht gerade freundlich behandelt wurde, entschied ich mich spontan, am darauffolgenden Tag mit Regionalbahnen nach Travemünde zu tingeln.

    Lübeck, Travemünde, die Nähe zur Ostsee – das waren für mich erst einmal nur Orte auf der Karte. Aber schon nach den ersten Augenblicken wurden sie zu Schauplätzen: alte Häuser, Kopfsteinpflaster, der Hafen, das Licht über dem Wasser, der Geruch von Salz und feuchtem Holz. Dazu diese Mischung aus Ruhe und Bewegung: Schüler, Studierende, Tourist:innen, Leute, die einfach „ihr Leben leben“ – genau diese Stimmung, die später in meinen Romanen wieder auftaucht.


    Proberaum, Gespräche, Musik – und die Frage: Was wäre, wenn …?

    Parallel dazu trug ich etwas völlig anderes mit mir herum: die alte Idee von „Belletristik mit Soundtrack“.

    Mit Anfang zwanzig hatte ich The Beatles – Die Geschichte ihrer Musik von Mark Hertsgaard gelesen. Im Vorwort fordert Hertsgaard seine Leser auf, die beschriebenen Songs während der Lektüre zu hören. Dieser Gedanke hat sich bei mir festgesetzt: Warum gibt es so etwas nicht auch in Romanform? Geschichten, die so stark mit Musik verbunden sind, dass man sie eigentlich mit einem Soundtrack liest.

    An der Ostsee fiel auf einmal vieles zusammen: die Orte, die Stimmung am Wasser, mein eigenes Leben zwischen Ausbildung und Musik – und diese alte Idee von erzählter Belletristik mit Soundtrack. Ich ertappte mich immer öfter bei dem Gedanken:

    Was wäre, wenn hier eine Clique wohnen würde? Eine Band. Eine WG. Und jemand, der von weit her kommt und sein Leben plötzlich mit anderen Augen sieht?

    Aus dem „Was wäre, wenn …?“ wurden Notizen. Aus Notizen wurden Szenen.


    Nick und Miriam betreten die Bühne

    Nick war zuerst gar nicht als „Romanheld“ gedacht. Er war eher eine Projektionsfläche, eine Kiste, die man mit Ideen füllt – jemand, der, so wie ich an diesem Wochenende, alles zum ersten Mal sieht und dabei merkt, wie sehr ihn das verändert.

    Nach und nach bekam Nick mehr Konturen:
    19 Jahre alt, aus einem fränkischen Dorf, mitten in Ausbildung und Routinen, die ihn nicht wirklich erfüllen. Dann diese Fahrt an die Ostsee. Ich hatte sie damals allein unternommen; aber wie wäre es gewesen, wenn meine „gute Bekannte“ aus dem Chorprojekt mitgekommen wäre? Sie hatte vor Kurzem diesen Gitarristen in einer Heavy-Metal-Cover-Band kennengelernt, der Maschinenbau studierte. Ein gemeinsamer Roadtrip könnte vielleicht ihre Meinung verändern …

    Was als kleine Kurzgeschichte über ein Wochenende begann, wurde immer größer. Mehr Figuren drängten sich ins Bild, wollten ihre eigene Perspektive: Lucy, Jonas, Chris, Mike und all die anderen. Ich merkte: Das ist kein einzelner Text. Das ist eine Welt.

    Doch irgendwann, in den Wirren meiner späten Teenagerzeit, blieb das Projekt liegen – obwohl der Plot in meinem Kopf eigentlich schon fertig war.

    Bis zum Juli 2025, um drei Uhr nachts, als der kleine Mann in meinem Kopf mich weckte und fragte:
    „Warum hast du die Geschichte nie zu Ende geschrieben? In deinem Kopf ist sie doch fertig. Schreib sie zu Ende. Jetzt!“


    Warum aus einem Buch eine Reihe wurde

    Je länger ich an Go Your Own Way gearbeitet habe, desto klarer wurde mir: Ein einziges Wochenende reicht nicht.

    Wenn wir ehrlich sind, endet die eigentliche Geschichte ja nicht, wenn zwei Menschen am Sonntagabend auseinandergehen, sich am Bahnhof verabschieden oder beschließen, „es mal zu versuchen“. Eigentlich fängt sie da erst an.

    Also tauchten ganz automatisch neue Fragen auf:

    • Was passiert nach diesem Wochenendtrip an die Ostsee?
    • Was passiert, wenn Nick zurück nach Lübeck kommt – diesmal nicht nur als Gast, sondern als Bassist einer Band?
    • Wie verändert sich alles, wenn Social Media, Auftritte, Erwartungsdruck und Entfernungen dazukommen?
    • Und was ist mit dem ersten gemeinsamen Alltag – einer eigenen Wohnung, einem Wochenende zu zweit, ohne Eltern und WG, aber mit allen Unsicherheiten im Gepäck?

    Aus diesen Fragen entstanden die Ideen für Band 2 (When I Come Around, Arbeitstitel) und Band 3 (Closer, Arbeitstitel).
    Aus einem Gefühl am Strand wurde der Kern einer Romanreihe: ein junger Mann, der über mehrere Stationen hinweg seinen Platz in der Welt sucht – mit Musik als rotem Faden.


    Wie viel Ostsee wirklich in den Romanen steckt

    Oft stellt sich die Frage: „Ist das alles wirklich so passiert?“ oder etwas abgeschwächt: „Gibt es diese Orte wirklich?“

    Die ehrliche Antwort ist ein „Ja, aber…“:

    • Ja, Lübeck und Travemünde, die Ostsee, der Hafen, der Strand, der Segelclub – all diese Orte haben reale Vorbilder. Aber …
    • Nein, das Travemünde in meinem Kopf, die Stadt die ich 1998 bereiste, gibt es nicht mehr. Viele Häuser wurden abgerissen, vieles hat sich verändert.
    • Nein, die Romane sind kein Reisebericht und kein exakter Stadtplan.

    Ich nehme Atmosphären, Bilder, Gerüche, Lichtstimmungen und verdichte sie. Ein Strandabschnitt rutscht ein paar Meter nach links, zwei reale Cafés verschmelzen zu einem neuen, WG-Grundrisse orientieren sich eher daran, wie sich Szenen gut erzählen lassen, als an realer Wohnraumsituation.

    Mir ist weniger wichtig, ob jemand sagen kann: „Ach, das muss genau diese Kreuzung dort und dort sein“, sondern eher: Fühlt sich dieser Ort beim Lesen echt an?
    Wenn Leser:innen das Meer riechen, die WG-Küche hören, das klebrige Gefühl von Proberaum-Luft kennen – dann stimmt für mich mehr als bei jeder perfekten Google-Maps-Rekonstruktion.


    Belletristik mit Soundtrack – wie die Musik in den Text kommt

    Zurück zu Mark Hertsgaard und den Beatles: Die Idee von „Belletristik mit Soundtrack“ ist nie wieder verschwunden.

    In meiner Schreibpraxis sieht das ungefähr so aus:

    • Viele Szenen entstehen, weil ein bestimmter Song etwas in mir anstößt – ein Bild, eine Stimmung, eine Erinnerung.
    • Manche Kapitel haben einen heimlichen „Titelsong“, der für mich beim Schreiben im Hintergrund läuft.
    • An einigen Stellen tauchen Titel und Musiker:innen direkt im Text auf: als Musik im Auto, in der WG, auf der Bühne oder nachts im Kopfhörer.

    Die Leseprobe auf meiner Seite – die Strandszene mit Nick und Miriam – ist ein gutes Beispiel dafür:
    Die Songs, die sie spielen, sind mehr als musikalische Deko. Sie erzählen mit. Die Songzeilen spiegeln Dinge, die die Figuren (noch) nicht aussprechen, und geben ihrer Beziehung eine zusätzliche Ebene. Ohne die Musik wäre die Szene eine andere.

    Trotzdem sollen die Romane auch ohne Playlist funktionieren. Aber wer möchte, kann sie irgendwann so lesen, wie Hertsgaard es mit seinem Beatles-Buch angeregt hat:
    Buch auf, Playlist an.


    Was von diesem Wochenende geblieben ist

    Wenn ich heute an dieses erste Wochenende in Lübeck und Travemünde zurückdenke, sehe ich nicht nur Straßen, Wasser und Häuser. Ich sehe Nick, wie er zum ersten Mal die WG betritt. Ich höre Gespräche am Küchentisch, Songs im Proberaum, das Rauschen der Brandung im Hintergrund. Ich sehe Figuren, die zur Tür hereinkommen, obwohl ich sie damals noch gar nicht kannte.

    Aus ein paar Tagen Auszeit ist ein Langzeitprojekt geworden: eine Romanreihe über Musik, Freundschaft, erste Liebe und den Mut, das eigene Leben wirklich in die Hand zu nehmen.

    Und manchmal denke ich: Es war gut, dass ich 1998 nicht ahnen konnte, was ich mit diesem Wochenendticket alles lostrete. Vielleicht wäre ich sonst nie losgefahren.


    Lust auf einen ersten Einblick?

    Wenn du neugierig geworden bist:

    • Auf der Seite „Bücher“ stelle ich die drei Projekte ausführlicher vor.
    • Unter „Leseprobe“ findest du einen Ausschnitt aus Go Your Own Way: ein Vormittag am Strand mit Nick und Miriam – Musik, Meer und ein Moment, der alles ins Rollen bringt.

    Vielleicht liest du ihn ja irgendwann mit einer passenden Playlist im Hintergrund.
    So hat für mich alles angefangen.