Kategorie: Romanwerkstatt

  • Manja: Wie eine Krawallnudel ihren Weg in den Roman fand

    Manja: Wie eine Krawallnudel ihren Weg in den Roman fand

    Manche Figuren entstehen langsam. Man überlegt sich ihre Biografie, ihre Eigenheiten, ihre Funktion in der Geschichte. Man schiebt sie gedanklich ein wenig hin und her, bis sie irgendwann anfangen, wie echte Menschen zu wirken.

    Und dann gibt es Manja.

    Als für mich feststand, dass Go Your Own Way eine Fortsetzung bekommen sollte, war ebenso schnell klar: Es braucht neue Figuren. Denn so unterschiedlich Nick, Miriam, Lucy und die anderen auch sind, eines haben viele von ihnen gemeinsam: Sie sind auf ihre jeweils eigene Art erstaunlich brav und konventionell.

    Da fehlte jemand.

    Eine Krawallnudel.

    Nicht unsympathisch, nicht rücksichtslos und schon gar nicht einfach nur laut. Sondern liebevoll chaotisch, ein bisschen anarchisch, politisch, selbstbewusst und mit einer gewissen Freude daran, Erwartungen nicht zu erfüllen.

    In dem Moment, in dem diese Grundidee feststand, gingen gleich mehrere Schubladen auf.

    Aus gutem Hause in Richtung Revolution

    Sie ist 17 und stammt – ähnlich wie Lucy – aus einer gutbürgerlichen Lübecker Familie. Ihre Mutter ist Physiotherapeutin mit eigener Praxis. Eigentlich beste Voraussetzungen für einen ziemlich geradlinigen Lebensweg.

    Nur hat diese 17-Jährige wenig Interesse an geraden Linien.

    Wenn sie aus diesem Umfeld stammt und gleichzeitig zu der unangepassten, politisch links stehenden Figur werden sollte, die mir vorschwebte, brauchte es einen Bruch mit den Erwartungen ihres Umfelds.

    Also schmeißt sie die Schule in der elften Klasse.

    Nicht, weil ihr alles egal wäre. Im Gegenteil. Sie hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, was ihr wichtig ist. Nur stimmen diese Vorstellungen nicht unbedingt mit denen ihrer Mutter überein.

    Sie engagiert sich politisch, geht auf Demonstrationen, liest Rosa Luxemburg genauso wie Manga und mischt sich ein, wenn sie etwas ungerecht findet. Hinter ihrem ganzen Chaos steckt deshalb ein ziemlich ernsthafter Kern: Sie kann schlecht dabei zusehen, wenn andere Menschen unter die Räder kommen.

    Natürlich würde diese jugendliche Krawallnudel selbst das vermutlich weniger feierlich formulieren.

    Sie bezeichnet sich lieber als „Trotzkistin mit Herz“.

    Jette? Svea? Nein. Manja.

    Auch der Name der Figur stand nicht sofort fest.

    Von Anfang an wollte ich einen nordischen Namen. Zunächst hieß sie Jette. Danach wurde aus Jette Svea.

    Aber je deutlicher die Figur vor meinem inneren Auge wurde, desto weniger passten beide Namen.

    Jette war mir zu brav.

    Svea ebenfalls.

    Und eine Frau, die sich nicht an die Erwartungen ihrer Umgebung hält, sollte wenigstens einen Namen bekommen, der sich für mich nach ihr anfühlt.

    So wurde aus Jette über Svea schließlich Manja. Den Namen verdankt sie übrigens einer ehemaligen Arbeitskollegin. Grüße an dieser Stelle an die echte Manja!

    Und damit war sie plötzlich da.

    Fast.

    Denn eine Sache fehlte noch: Wo verbringt jemand wie Manja eigentlich seine Zeit?

    Wenn die Recherche plötzlich den Roman kennt

    Im ersten Entwurf von When I Come Around arbeitete Manja in einem fiktiven alternativen Kulturzentrum namens „UFER“.

    Das funktionierte. Aber es fühlte sich eben auch erfunden an.

    Dann fuhr ich für die Recherche zum Roman nach Lübeck.

    In der Clemensstraße entdeckte ich das schickSAAL, ein kollektiv betriebenes Hostel mit Kneipe. Und das auch noch gegenüber vom Blauen Engel, einem Schauplatz, der bereits in Go Your Own Way eine Rolle spielt.

    Ich ging hinein.

    Und plötzlich stand ich in Manjas Welt.

    Das war einer dieser wunderbaren Momente beim Schreiben, in denen die Wirklichkeit eine bereits erfundene Kulisse einfach ersetzt. Manja war zu diesem Zeitpunkt längst als Figur fertig. Ich hatte das schickSAAL nicht gesucht, um einen passenden Ort für sie zu finden.

    Ich hatte den Ort gefunden und wusste sofort: Hier arbeitet Manja.

    Also erzählte ich dem Mann hinter der Theke von meiner Romanfigur.

    Seine Antwort war sinngemäß:

    „Schick Manja vorbei. So jemanden können wir hier dringend gebrauchen.“

    Damit war die Sache entschieden.

    Das fiktive „UFER“ flog aus dem Manuskript. Manja zog ins schickSAAL.

    Dort kellnert und kocht sie, kauft ein, gestaltet und verteilt Plakate, schleppt Boxen und putzt irgendwann auch, wenn es sonst wirklich niemand mehr erträgt.

    Manchmal schläft sie dort sogar im Lager.

    Ihre Mutter bezeichnet den Ort als „linkes Chaosloch“.

    Manja nennt ihn „Zuhause mit Espresso“.

    Und dann wäre da noch dieser Roller

    Natürlich braucht eine Figur wie Manja auch einen angemessenen Auftritt.

    Bei ihrem ersten Erscheinen fährt sie deshalb nicht einfach vor.

    Sie kommt auf einem modifizierten chinesischen Elektroroller in den Innenhof. Mit vierzehn Spiegeln. Einer Lichterkette. Quietschpinken Doc Martens. Und einem Motor, der klingt wie ein rebellischer Staubsauger, der sich weigert, die Hausarbeit zu machen.

    Ihre ersten Worte:

    „NOTFALL-EINSATZ! Die Revolution des Contents ist eingetroffen!“

    Spätestens da wusste ich: Ja. Genau so ist sie.

    Die unzähligen Spiegel am Roller sind übrigens kein Zufall. Sie sind eine kleine versteckte musikalische Reminiszenz an Quadrophenia von The Who und die mit Spiegeln übersäten Motorroller der Mod-Kultur.

    Solche kleinen musikalischen Verweise verstecke ich gerne in meinen Geschichten. Man muss sie nicht erkennen. Aber wer sie entdeckt, darf sich freuen.

    Eine Figur, die Unordnung mitbringt

    Manja ist also nicht Detail für Detail am Reißbrett entstanden.

    Am Anfang stand eigentlich nur das Gefühl, dass meiner Figurenwelt jemand fehlt, der ein wenig kräftiger gegen die Wände klopft. Als die anarchische Krawallnudel einmal feststand, kam erstaunlich schnell eines zum anderen:

    Das gutbürgerliche Elternhaus, der Bruch mit der Schule, ihre politische Haltung, ihr Humor, die pinken Doc Martens, der Name und schließlich ein realer Ort in Lübeck, der so gut zu ihr passte, dass ich ihn niemals hätte erfinden können.

    Und vielleicht mag ich genau deshalb ihren ersten Auftritt so sehr.

    Andere Figuren öffnen eine Tür und betreten eine Szene.

    Manja kommt auf einem lauten Elektroroller mit vierzehn Spiegeln um die Ecke und ruft die Revolution aus.

    Manchmal weiß man als Autor dann einfach:

    Die bleibt.

  • Werkstattbericht 2 (2026): Die Hände im Teig · When I Come Around

    Werkstattbericht 2 (2026): Die Hände im Teig · When I Come Around

    Kurzstand

    Draußen zeigt das Thermometer sommerliche Höchstwerte. Drinnen glüht die Tastatur. Nicht wegen der Hitze, sondern weil mich eine ganz bestimmte Testleserin gleichermaßen in- wie extrinsisch motiviert. Ihre Nachrichten enden meist mit den Worten: „Wie geht’s weiter?“ oder „Wann bekomme ich mehr?“

    Die Franzosen haben dafür eine schöne Redewendung: mettre la main à la pâte – wörtlich: die Hand in den Teig stecken. Gemeint ist, selbst anzupacken. Wir würden vermutlich sagen: Jetzt werden die Ärmel hochgekrempelt.

    Genau so fühlt es sich gerade an.

    Go Your Own Way ist inzwischen fertig geschrieben und wartet auf den nächsten Schritt Richtung Veröffentlichung.

    Für mich bedeutet das allerdings keinen Stillstand. Im Gegenteil: Während das erste Manuskript seinen Weg sucht, wächst bereits die Fortsetzung.

    When I Come Around hat inzwischen Kapitel 22 erreicht. Die erste Fassung nimmt immer klarere Formen an. Und ja: Die Tastatur glüht noch immer.

    Woran ich gerade arbeite:

    Aktuell schreibe ich Kapitel 22. Es ist Samstag am frühen Nachmittag in Travemünde. Ein Fahrzeug wird für die Unternehmungen des Tages beladen. Instrumente, Kabel, Taschen, Verstärker und jede Menge Gepäck wandern Stück für Stück aus der WG in den VW-Bus. Eigentlich nichts, was auf den ersten Blick nach einer besonders spannenden Szene klingt.

    Werkstatt-Notiz:

    Aus einer alltäglichen Situation eine lebendige Szene entstehen zu lassen. Denn während alle gemeinsam anpacken, kommen Gespräche in Gang, Figuren geraten aneinander, es wird gelacht, diskutiert und improvisiert. Fast unbemerkt wächst dabei das Gemeinschaftsgefühl. Nicht, weil es erzählt wird, sondern weil es sich zwischen den Figuren entwickelt.

    Interessanterweise ist in der Kapitelübersicht der Plan klar: „Packen für den Nachmittag“. Doch ähnlich, wie beim Plan Einkaufen zu gehen, fehlt dem Text hier noch Esprit. Dinge aus dem Haus tragen und verstauen ist notwendig, aber literarisch erstmal nicht spannend. Also braucht es Interaktion und vielleicht noch ein Thema, an dem sich die Figuren reiben können. Und siehe da, wenn die Figuren einfach mal sie selbst sein dürfen, entwickelt sich beim Schreiben plötzlich eine eigene Dynamik.

    Wenn der Chaot mit der organisierten Lehrertochter ein Auto belädt und dabei vom Social-Media-Nerd gefilmt wird, ist man beim Schreiben beinahe versucht, selbst das Popcorn herauszuholen.

    Nächste Etappe:

    Zunächst muss der Bus fertig beladen werden. Danach noch schnell umziehen und es geht für die Figuren ab an den Strand und für mich an die nächsten Kapitel. Es warten noch viele Begegnungen, Gespräche und Szenen darauf, geschrieben zu werden. Ich bin selbst gespannt, welche davon sich genau so entwickeln, wie ich sie geplant habe, und welche Figuren mich unterwegs wieder überraschen und welche Figuren unterwegs plötzlich ihren eigenen Weg gehen.

  • Eine Reise als „Autoren-Recherche“

    Eine Reise als „Autoren-Recherche“

    Warum ich nach Lübeck gefahren bin

    Blick von einer Fähre auf den nächtlichen Hafen von Travemünde
    Travemünde bei Nacht. Eigentlich nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Finnland. Für mich begann hier bereits die Rückkehr in die Welt von Go Your Own Way

    Die Anfänge von Go Your Own Way reichen zurück bis ins Jahr 1999. Damals fuhr ein 19-Jähriger mit dem Zug für ein Wochenende nach Travemünde. Viele der Schauplätze von Go Your Own Way liegen in Lübeck und Umgebung. Kurz nach dieser Reise entstand die erste Idee zu einer Geschichte, die mit einer einfachen Frage begann:

    Was wäre gewesen, wenn …?

    Aus dieser Frage wurden erste Texte. Aus den Texten wurde ein Manuskript. Und viele Jahre später schließlich ein Roman.

    Als ich 25 Jahre später erneut nach Travemünde fuhr, waren mir viele Orte noch vertraut. Gleichzeitig wusste ich, dass Erinnerungen trügerisch sein können. So wie sich der kleine Laden an der Ecke oder das Postamt am Heimatort im Laufe der Jahre verändern, verändert sich auch eine Stadt.

    Hinzu kam eine Reise nach Finnland Anfang dieses Jahres. Die Fähre legte ausgerechnet in Travemünde ab.

    Allerdings mitten in der Nacht und gemeinsam mit meiner Familie. Für einen kurzen Moment war die Welt von Nick, Lucy und Miriam wieder ganz nah, doch für eine echte Spurensuche blieb keine Zeit.

    So entstand die Idee, noch einmal bewusst nach Lübeck und Travemünde zu reisen. Nicht nur, um Fotos zu machen oder Straßennamen zu überprüfen.

    Überfahrt mit der Priwall-Fähre zwischen Travemünde und Priwall
    Die Priwall-Fähre: 5 Minuten Überfahrt, die Nick und Miriam für intensive Gespräche nutzen

    Sondern um die Atmosphäre wiederzufinden, aus der Go Your Own Way entstanden ist. Den Wind am Meer. Die Wege entlang der Trave. Die Fähren. Die Musik. Und das Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve vielleicht ein kleines Abenteuer wartet.

    Zurück an die Schauplätze

    Eigentlich begann die Reise schon einige Wochen früher.

    Auf dem Weg nach Finnland fuhr ich nachts über dieselben Autobahnen, die auch Nick in Go Your Own Way entlangfährt. Je weiter die Strecke nach Norden führte, desto vertrauter fühlte sich vieles an. Die Raststätten. Die langen Abschnitte im Dunkeln. Das Gefühl, unterwegs zu sein, während der Rest der Welt schläft.

    Irgendwo zwischen Süddeutschland und der Ostsee musste ich mehrfach an die Szene denken, in der Nick der Anhalterin Lucy begegnet. Es waren genau die Orte, an denen sie hätte stehen können.

    Backsteinhäuser in Lübeck-St. Jürgen, Inspiration für Lucys Wohnumfeld im Roman
    Hier beginnt für mich die Welt von Lucy. Aus einem realen Stadtteil wurde nach und nach ein Schauplatz des Romans.

    Kurz vor Hamburg geriet ich in einen Schneesturm. Die Sicht wurde schlechter, die Fahrbahn verschwand zeitweise hinter wirbelnden Flocken. Unwillkürlich musste ich an die Regenszene in Nicks Ente denken. An diese Mischung aus Freiheit und leichtem Kontrollverlust, die lange Autofahrten manchmal mit sich bringen.

    Die eigentliche Spurensuche begann jedoch erst einige Wochen später.

    Diesmal führte mich die Reise nicht direkt zum Skandinavienkai. Stattdessen setzte ich den Blinker Richtung Lübeck-Zentrum und fuhr in den Stadtteil St. Jürgen.

    Hier beginnt für mich die Welt von Lucy.

    Natürlich existiert die Figur nur auf dem Papier. Doch irgendwo zwischen den Straßen, den alten Häusern und den grünen Uferwegen liegt der Ort, an dem ich mir ihr Zuhause vorgestellt habe. Hierhin steuert Nick seine Ente. Hier wartet Lucy auf das nächste Wochenende. Und hier wurde aus einer realen Stadt nach und nach ein Schauplatz des Romans.

    Die Schauplätze von Go Your Own Way

    Im Laufe der Reise besuchte ich viele Orte, die Eingang in den Roman fanden. Einige davon werde ich in eigenen Beiträgen genauer vorstellen:

    • Travemünde
    • Priwall
    • Segelclub Passat
    • Strand
    • Passat (Viermastbark)
    • Lübeck
    • Wakenitz

    Warum reale Orte wichtig sind

    Viele der Orte in Go Your Own Way existieren tatsächlich. Die Priwall-Fähre. Die Passat. Die Promenade von Travemünde. Die Altstadt von Lübeck.

    Trotzdem ging es mir bei dieser Reise nicht darum, Straßennamen zu überprüfen oder Entfernungen nachzumessen.

    Viel wichtiger war eine andere Frage:

    Ist die Atmosphäre noch da?

    Kann man sie noch spüren?

    Orte verändern sich. Manchmal bleiben nur Fassaden zurück. Udo Lindenberg beschreibt die Reeperbahn einmal als eine „Kulisse für nen Film, der nicht mehr läuft“. Genau das wollte ich herausfinden: Ist die Atmosphäre noch da oder nur die Kulisse?

    Kopfsteinpflaster und Backsteinhäuser in Lübeck-St. Jürgen
    Viele Orte haben sich verändert. Andere wirkten genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Dazwischen lagen die spannendsten Entdeckungen dieser Reise.

    Ich wollte hören, wie der Wind zwischen den Masten pfeift. Ich wollte den Geruch von Meerwasser und Hafenluft wieder in der Nase haben. Ich wollte erleben, wie sich ein Spaziergang am Abend anfühlt, wenn die Lichter der Schiffe auf dem Wasser tanzen und irgendwo in der Ferne eine Fähre ablegt.

    Denn genau aus solchen Eindrücken entstehen Szenen.

    Nicht aus Stadtplänen oder Satellitenbildern.

    Als Autor kann man vieles recherchieren. Man kann Karten studieren, Fotos ansehen und Reiseberichte lesen. Aber das Gefühl eines Ortes lässt sich nur schwer aus zweiter Hand erleben.

    Manchmal reicht ein kurzer Moment, um sich wieder an etwas zu erinnern. Das Knarren eines Stegs. Das Kreischen einer Möwe. Das Geräusch einer Fähre beim Anlegen.

    Plötzlich ist eine Szene wieder da.

    Oder eine Figur.

    Oder ein Satz, den man längst vergessen glaubte.

    Die Reise nach Lübeck und Travemünde war deshalb weniger eine Recherche im klassischen Sinn. Sie war eher eine Rückkehr zu den Orten, aus denen die Welt von Go Your Own Way entstanden ist.

    Und siehe da:

    Es gab einige Überraschungen.

    Ferienhäuser zwischen Kiefern auf dem Priwall, früherer Schauplatz des Romans
    In dem Kiefernwald stehen heute Ferienhäuser. Wo soll Nick heute seinen Schlafsack ausbreiten?

    Manche Orte wirkten beinahe unverändert. Die Passat liegt noch immer an ihrem Platz. Die Fähre pendelt weiterhin zwischen Travemünde und Priwall. Andere Schauplätze dagegen haben sich stärker verändert, als ich erwartet hatte.

    Besonders überrascht war ich vom Kiefernwald am Priwall. Im Roman verbringen Nick und Miriam dort ihre erste Nacht unter freiem Himmel. Heute prägt eine Ferienhaussiedlung große Teile des Geländes. Einige der alten Kiefern stehen noch immer dort. Doch die Frage ließ mich nicht los:

    Wo würde Nick heute eigentlich seinen Schlafsack in den Sand werfen?

    Mehr dazu in den folgenden Beiträgen über die Schauplätze von Go Your Own Way.

    Fazit

    Go Your Own Way ist eine erfundene Geschichte. Die Orte dahinter sind jedoch sehr real. Und vielleicht liegt genau darin ein Teil ihres Zaubers.

  • Testleser im Einsatz: Wie drei Stimmen aus meinem Manuskript einen besseren Roman machen

    Testleser im Einsatz: Wie drei Stimmen aus meinem Manuskript einen besseren Roman machen

    Wozu brauche ich Testleser?

    Mit dem Schreiben ist es ein bisschen wie mit dem Radiomachen.

    Du sitzt alleine in deinem Zimmer, formulierst Sätze, baust emotionale Gebilde und hoffst, dass irgendwo jemand sein wird, den es interessiert.

    Und spätestens beim Überarbeiten merke ich, dass ich nicht meine eigene Zielgruppe bin. Und selbst, wenn ich beim Schreiben „an den Leser“ denke, lese ich meine Geschichten nie so unbedarft und frisch wie jemand, der zum ersten Mal „Okay, das war´s dann wohl!“ liest.

    Zudem brauche ich Feedback um mein Tun selbst einordnen zu können. Sätze die für mich wie ein literarisches Feuerwerk sind, wirken für andere eher wie ein Teelicht. Dagegen werde ich vielleicht für Formulierungen gelobt, die ich einfach im Flow geschrieben habe, ohne viel nachzudenken.

    Testleser sind also mein Realitätscheck.

    Ist das glaubwürdig? Kommen die Gefühle an? Ist die Figur glaubwürdig?

    Meine Testleseteam

    Aktuell habe ich drei Testleserinnen. Hinzu kommt ein männlicher Testleser, der mir Feedback zu den ersten vier Kapiteln gegeben hat. (Wenn du Lust hast, als Testleser einzusteigen: melde dich gern, ich freue mich über Verstärkung.)

    Die studierte Fachfrau

    Eine meiner Testleserinnen hat Deutsch studiert. Ich kenne sie so gut, dass ich ihre Kritik nicht als Angriff höre, sondern als: Werkzeug auf den Tisch.
    Sie ist stark bei:

    • Sprache, Rhythmus, Klarheit
    • Logikfehlern und unsauberen Übergängen
    • Stellen, die “gut klingen”, aber beim Lesen stolpern lassen.

    Ihr Feedback fühlt sich manchmal an wie ein präzises Nachziehen von Schrauben: nicht spektakulär, aber danach klappert nichts mehr.

    Die zielgruppenrelevante Leseratte

    Die zweite Testleserin gehört direkt der Zielgruppe an und bezeichnet sich selbst als Leseratte. Sie zeigt mir, wie heutige Jugendliche ticken, und genau das ist Gold wert:

    • Wo wird es langweilig?
    • Was klingt altbacken, oder gewollt jugendlich?
    • Welche Figur nervt (und warum)?
    • Welche Szene wirkt “gemacht” statt “passiert”?

    Das ist der Blick, den man selbst am schwersten simulieren kann, weil man die eigene Geschichte ja schon kennt.

    Die Autorin mit dem Riecher für modernes Schreiben

    Die dritte Testleserin hat bereits selbst ein Buch veröffentlicht und dadurch ein gutes Gespür für aktuelle Lesegewohnheiten und Trends.

    Sie achtet besonders auf:

    • Tempo und Szenenlängen
    • Erwartungshaltungen heutiger Leser und Lektoren
    • typische “Hänger”, die man früher eher verziehen hat, heute aber schneller wegklickt

    Sie ist die Stimme, die mir manchmal sagt: „Das ist schön, aber zeig es, statt zu erklären.“

    Mein Feed-Backsystem

    Anfangs habe ich jede Kritik meiner Testleserinnen für die einzig wahre Meinung gehalten und sofort umgesetzt, bis ich gemerkt habe, dass ich damit am Ende Texte produziere, die dieser Testleserin gefallen, aber im schlechtesten Fall vielleicht nichtmehr mir. Daher wird jeder Einwand von mir wie folgt geprüft:  

    1. Essenziell oder Geschmackssache?
    2. Stehe ich als Autor dahinter?
    3. Wird es dadurch in meinen Augen besser?

    Ganz wichtig dabei: Ich lege nicht überall sofort Hand an und ändere gleichzeitig an mehreren Stellen Sonst verkommt der Text zum Flickenteppich mit guten Absichten.

    Wenn es menschelt: Zwischenfeedbacks, die mir wirklich helfen

    Zwischenfeedbacks, die mir wirklich helfen

    Am spannendsten sind für mich die spontanen Reaktionen zwischendurch – diese Sätze, die nicht „nett“ sein wollen, sondern zeigen, dass die Geschichte bei jemandem arbeitet. Ein paar O-Töne aus meiner aktuellen Testleser-Runde (natürlich anonym):

     „Kommt Lucy wieder?“

      „Ich hoffe, Nick und Miriam finden bald zusammen!“

      „Ich war froh, als diese aufmüpfige Lucy endlich wieder ausgestiegen ist.“

      „Miriam nervt – die soll Nick endlich mal sagen, was sie denkt!“

    Ich liebe diese Gegensätze. Sie zeigen mir erstens, dass Figuren nicht egal sind (Lucy polarisiert ganz offensichtlich), und zweitens, wo gerade Druck auf der Beziehungsschiene entsteht (Nick/Miriam). Wenn jemand ungeduldig wird, ist das für mich kein Befehl nach dem Motto „Mach schneller“, sondern ein Hinweis: Entweder muss die innere Logik klarer werden, oder ich muss die Spannung bewusster führen. Genau an solchen Stellen fängt für mich die eigentliche Überarbeitung an.

    Mein Fehler am Anfang: zu viele ungeschulte Testleser

    Als die erste Fassung von „Go Your Own Way“ fertig war, habe ich einen klassischen Anfängerfehler gemacht:
    Ich habe das Manuskript vielen Menschen gegeben, die mir nah stehen.

    Das Feedback war oft freundlich, aber… weich:
    „Ja, gefällt mir.“
    „Schön!“
    „Ist gut geschrieben.“

    Ich verstehe das gut. Wer will schon jemandem, den er mag, vor den Kopf stoßen?
    Nur: Für ein Manuskript ist “gefällt mir” leider nicht wirklich hilfreich.

    Klasse statt Masse (mein Learning)

    Ich habe daraus gelernt: Für echte Fortschritte brauche ich nicht viele Stimmen, sondern wenige, aber belastbare Rückmeldungen. Menschen, die:

    • ehrlich sind (auch wenns weh tut)
    • begründen können, warum etwas wirkt oder nicht
    • mir nicht nur sagen, dass etwas hakt, sondern wo und wie

    Seitdem fühlt sich Überarbeiten weniger nach Testballon an, sondern nach gezieltem Navigieren.

    Wenn du mitlesen willst

    Grundsätzlich suche ich gerne weitere Testleser, besonders wenn du:

    • YA/Coming-of-Age magst
    • Lust hast mir ein ehrliches Feedback zu geben (gern auch kritisch)
    • und Spaß daran hast, eine Geschichte beim Werden zu begleiten

    Wenn dich das interessiert: Schreib mir (Kontaktseite / Kommentar / Mail, wie du es handhabst).
    Ich melde mich dann mit Infos, Umfang und Vorgehen.

    Danke

    Zu guter Letzt: Danke an meine drei Testleserinnen – und an meinen bisherigen Testleser zu den ersten vier Kapiteln. Ihr seid so etwas wie meine Navigationssatelliten beim Schreiben: Ihr seht Dinge, die ich mit den Händen am Lenkrad übersehe. Mal ist es ein Loch im Asphalt, mal eine Bodenwelle die Tempo nimmt, mal ein Satz, der zwar gut klingt, aber keine Aussage hat. Ohne euch wäre die Überarbeitung deutlich mehr Fahren im Nebel. Danke, dass ihr Zeit, Konzentration und ehrliche Reaktionen investiert.

  • Werkstattbericht 1 · Schleifen, polieren, ausbessern · Go your own way ·01/2026

    Werkstattbericht 1 · Schleifen, polieren, ausbessern · Go your own way ·01/2026


    Kurzstand

    Im Moment befinde ich mich in der Phase, die sich weniger nach „Schreiben“ anfühlt und mehr nach Schreinerwerkstatt: Schleifen, Polieren, ausbessern: Ich überarbeite „Go Your Own Way“, um eine Version zu haben, die ich auf Anfrage an Verlage schicken kann, ohne noch hektisch an tausend Stellen drehen zu müssen.

    Woran ich gerade arbeite

    • Spannungsfluss & Tempo: Szenen so anordnen und zuschneiden, dass sie sich „wie aus einem Guss“ lesen.
    • Ton & Rhythmus: Sätze straffen, Wiederholungen raus, Gefühle nicht erklären, sondern zeigen.
    • Übergänge: Besonders zwischen Kapiteln, Dialogen und Ortswechseln soll das Ganze sauber „klicken“.

    Change-Log (seit dem letzten Update)

    • ✅ Die ersten 4 Kapitel (Leseprobe) sind diamantenklar geschliffen, wie ich sie haben will
    • ✅ Einige Nebenstränge der Handlung wurden gekürzt, um den Hauptplot zu stärken
    • 🔁 Ein weiteres Kapitel ist in Arbeit, um später auftauchende Figuren besser zu integrieren.

    Stand heute

    Das erste Drittel nähert sich der Endfassung, und das fühlt sich gut an, aber auch anspruchsvoll: In dieser Phase ist jede Änderung klein, aber entscheidend. Die Herausforderung ist gerade, nicht aus Perfektionismus wieder alles „aufzumachen“, was eigentlich schon trägt.

    Werkstatt-Notiz

    Am Mittwoch bekam ich ein Feedback von meiner 17-jährigen Testleserin, (ich habe 3 Testleserinnen, mehr darüber bald in einem sepaten Beitrag), das mir half aber auch etwas weh tat. Sie meinte: „Ich hab verstanden, dass Nick Musik mag, das muss nicht in jede Metapher und jeden Vergleich.“ Touché! Ich war wohl zu fleißig ;). Also nochmal alles durchsehen und die „Akkordsymbolik“ mit 240er Sandpapier bearbeiten.

    Satz der Woche: „Dranbleiben, auch wenn ich lieber kreativ arbeiten möchte!“

    Nächste Etappe

    1. 2/3 polieren.
    2. Auf Verlagssuche gehen

    Wenn du solche Einblicke magst: Ich poste in unregelmäßigen Abständen weitere Werkstattberichte.

  • Die Ente als Nebenfigur – Warum fährt Nick einen 2CV?

    Die Ente als Nebenfigur – Warum fährt Nick einen 2CV?

    Warum der Citroën 2CV mehr ist als ein Auto: Symbolik, Humor, Geräusche, „Roadtrip-Gefühl“

    Manche Autos sind Fortbewegungsmittel. Und manche sind Mitreisende. Der Citroën 2CV gehört zur zweiten Sorte. In Go Your Own Way ist die „Ente“ nicht einfach ein Fahrzeug, das Nick von A nach B trägt. Sie ist Kulisse, Katalysator, Gesprächspartnerin ohne Worte. Eine Nebenfigur auf vier Rädern, die knarzt, schaukelt, riecht, klappert und damit etwas schafft, was glatte Neuwagen selten hinbekommen: Sie schreibt Atmosphäre.

    Und vielleicht ist das auch der Grund, warum die Ente bei mir nicht erst im Roman auftauchte, sondern viel früher. In der Familiengeschichte.


    1) Familienerbstück auf Rädern: Rot, Orange, Gelb

    Meine Eltern fuhren selbst Ente, als sie jung waren. Erst eine rote, später eine orangefarbene, zuletzt eine gelbe Kastenente. Schon diese Farbreihe ist wie ein kleines Lebensgefühl in Lack: nicht „dezent“, sondern entschieden. Kein Auto, das sich versteckt. Eher eins, das sagt: Ich bin hier, und ich bin ein bisschen anders, aber genau darum geht’s.

    Wenn man so aufwächst, wird die Ente zu einem inneren Geräusch. Zu einem Bild, das mehr bedeutet als Blech: Sommer, Leichtigkeit, Improvisation. Und dieses „Improvisations-Gen“ ist später beim Schreiben Gold wert, weil es sofort eine Tonart vorgibt: warm, menschlich, leicht schräg.


    2) Nicks Ente und die Wahrheit dahinter

    Die Anekdote, wie Nick zu seiner Ente kam, entspricht in Details der Wahrheit. Und genau das merkt man solchen Szenen an: Sie haben diesen kleinen Widerstand gegen Erfindung, dieses „So war’s eben“.

    Bei mir beginnt alles mit einem grünen Exemplar auf dem Lehrerparkplatz. Der stellvertretende Schulleiter und Lehrer für Rechnungswesen an meiner Schule, Herr Schumann, fuhr eine grüne Ente. Jeden Morgen stand dieses Vehikel da, wie ein freundlicher Fremdkörper zwischen Alltagsautos. Ich selbst wurde nicht von ihm unterrichtet, weil ich im Französisch-Zweig war, aber die Ente kannte ich trotzdem. Sie war da. Jeden Tag. Wie ein wiederkehrendes Motiv.

    Nach dem Schulabschluss machte ich mit meinen Eltern Urlaub in Südfrankreich. Rückblickend passt das fast zu gut: Französisch-Zweig, Südfrankreich, Ente. Manche Motive suchen sich ihre Menschen.

    Als ich zurückkam, erfuhr ich: Herr Schumann hatte die Ente verschrotten lassen, weil er niemanden gefunden hatte, der sie übernehmen wollte. Und dann passierte dieser typische, schmerzlich-nette Gedanke: Was wäre gewesen, wenn ich da gewesen wäre? Wenn ich es gewusst hätte. Wenn ich gefragt hätte. Wenn ich einen Satz früher abgebogen wäre in eine andere Version meines Lebens.

    Genau diese „Was-wäre-wenn“-Energie ist pures Romanmaterial. Nicht als Drama, sondern als feine, menschliche Melancholie. Und gleichzeitig ist da Humor drin, weil es eben auch absurd ist: Da steht jahrelang ein Symbol auf dem Parkplatz, und erst wenn es weg ist, begreift man, wie sehr man es mochte. Im Roman bekommt Nick diese zweite Chance: Er ist zur richtigen Zeit da, fragt nach, übernimmt, bevor es zu spät ist. So wird die Ente nicht zur schrulligen Marotte, sondern zu einem kleinen Schicksalsmoment.


    3) „Warum fährt Nick eine Ente?“ Die Testleserfrage

    Ich werde immer wieder gefragt: „Warum fährt Nick ausgerechnet eine Ente?“ Und oft hängt gleich die zweite Frage dran, offen oder unausgesprochen: „Kann man sich heute überhaupt vorstellen, dass ein 19-Jähriger so ein Auto fährt?“

    Ich verstehe den Reflex. Für viele wirkt das erstmal „zu speziell“. Ein VW Käfer oder ein Mini Cooper wären in der Retro-Schublade naheliegender. Beide sind ikonisch, beide sind bekannt, beide sind sofort „cool“. Aber genau da liegt der Punkt: Nick soll nicht cool wirken. Nick soll frei wirken. Und dafür ist die Ente schlicht das bessere Fahrzeug, weil sie sich im Text wie eine Nebenfigur verhält und nicht wie ein Accessoire.

    • Der Käfer trägt in Deutschland einen riesigen Mythos im Gepäck. Manchmal so groß, dass er Szenen übertönt.
    • Der Mini (in der heutigen Wahrnehmung oft der moderne MINI) erzählt eher „Style“ und Stadt, weniger „unterwegs sein“.
    • Die Ente dagegen ist ein Anti-Status-Symbol. Sie sagt nicht „Schaut her“, sondern „Kommt mit“. Sie ist langsam genug, um die Welt wahrzunehmen, und eigen genug, um Gespräche zu provozieren.

    Und zur Plausibilität: Ja, ein 19-Jähriger in einer Ente ist heute ungewöhnlicher als früher. Aber ungewöhnlich ist nicht unglaubwürdig, wenn man es erdet. Deshalb hat Nicks Ente eine Herkunft, die nicht nach „Oldtimerkauf“ klingt, sondern nach „Gelegenheit, Rettung, Geschichte“. Außerdem passt sie zu Nicks Charakter: nicht statusgetrieben, eher romantisch, praktisch, ein bisschen DIY. Und sie hat Konsequenzen. Die Ente schenkt Freiheit, aber sie fordert auch Geduld, Hände, Zeit. Genau das macht sie real.


    4) Symbolik: Freiheit mit Beulen

    Im Roman steht Nicks Ente für eine Freiheit, die nicht geschniegelt ist. Keine Hochglanzfreiheit, die nach Leasing riecht, sondern eine, die auch mal nach feuchter Decke und altem Sommer duftet.

    Die Ente ist das Gegenteil von „alles unter Kontrolle“. Sie ist:

    • Freiheit, die klappert,
    • Mut, der langsam anläuft,
    • Romantik, die keine Pose braucht.

    Und sie passt zu Nick, weil Nick nicht der Typ „perfekte Lebensplanung“ ist. Eher der Typ „Ich fahr los, und unterwegs wird’s wahr“.


    5) Humor: Das Auto als Comedy-Partner

    Die Ente hat komisches Timing. Nicht aktiv, aber spürbar. Sie liefert Situationen, in denen Figuren automatisch echter werden:

    • Türen, die man mit zärtlicher Gewalt schließen muss.
    • Fenster, die lieber nur halb zustimmen.
    • Ein Geräusch, das klingt, als würde irgendwo ein kleines Orchester aus Schrauben proben.

    Das ist Humor, der nicht als Witz geschrieben wird, sondern aus der Sache selbst kommt. Und der sorgt dafür, dass Szenen leichter atmen. Selbst wenn gerade etwas Schweres passiert, bleibt die Welt nicht steril.


    6) Geräusche: Klangteppich statt Sounddesign

    Moderne Autos sind akustisch gedämpfte Kapseln. Die Ente ist das Gegenteil: Sie lässt die Welt rein. Und sie macht selbst Musik.

    Da ist das typische:

    • Rappeln, wenn der Untergrund grob wird.
    • Schaukeln, als würde das Auto mitdenken.
    • Wind, der irgendwo entlangpfeift, weil „Dichtung“ eher ein Vorschlag als ein Zustand ist.

    Im Schreiben sind solche Geräusche mehr als Kulisse. Sie sind Emotionsträger. Wenn Nick müde ist, klingt das Rattern anders. Wenn er euphorisch ist, wird das Klappern zum Rhythmus. Die Ente kommentiert, ohne zu sprechen.


    7) Roadtrip-Gefühl: Geschwindigkeit ist nicht das Thema

    Roadtrip heißt nicht: schnell. Roadtrip heißt: unterwegs sein.

    Die Ente zwingt zu einer anderen Art von Zeit. Man plant weniger, man nimmt Umwege eher hin, man schaut mehr raus. Es ist ein Auto, das nicht nach „Ziel“ schreit, sondern nach „Strecke“. Genau deshalb funktioniert sie als Nebenfigur: Sie macht aus einer Fahrt eine Szene. Aus Kilometern eine Stimmung.

    Vielleicht ist das die größte Symbolik: Die Ente ist ein Vehikel für Übergänge. Für dieses Dazwischen, in dem sich Figuren verändern, ohne dass sie es sofort merken.


    8) Warum sie als Nebenfigur wirkt

    Nebenfiguren erkennt man daran, dass man sie vermisst, wenn sie fehlen. Die Ente gibt dem Roman:

    • Wiedererkennbarkeit (Running Gag, Anker, vertrautes Geräusch)
    • Körperlichkeit (Geruch, Geräusch, Wärme, Kälte, Bewegung)
    • Haltung (nicht perfekt, aber echt)

    Und sie verbindet mein eigenes „Vorleben“ mit der Romanwelt: die Enten meiner Eltern, die grüne Ente von Herrn Schumann, die Südfrankreich-Reise, das Was-wäre-wenn. All das steckt in Nicks Ente wie in einem Handschuhfach, in dem mehr liegt als ein Warndreieck.


    9) Kein Radio ab Werk und genau deshalb passt es so gut

    Letzte Woche bin ich über ein Detail gestolpert, das die Ente für Nick noch „richtiger“ macht: Im Originalzustand hatte der 2CV ab Werk kein Radio.
    Ein Auto, das klappert wie eine Percussion-Sektion, aber musikalisch erst mal stumm bleibt. Und ausgerechnet Nick soll das fahren, für den Musik nicht Hobby ist, sondern Lebensmittel.

    Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass mein Vater mit uns im 2CV ohne musikalische Untermalung an die Côte d’Azur gefahren ist. Also hab ich ihn gefragt und bekam diese herrlich schlichte Antwort:

    „Gab keines ab Werk
    Soweit ich weiß
    Wir haben einfach ein Radio beim Armaturenbrett, reingeschraubt.“

    Ich liebe das, weil es die Ente perfekt zusammenfasst: nicht „Komfortpaket“, sondern „Mach’s dir passend“. Und es passt genauso perfekt zu Nick. Er wartet nicht darauf, dass die Welt ihm den Soundtrack liefert. Er baut ihn sich. Notfalls mit zwei Schrauben, einem Kabel und der festen Überzeugung, dass Stille zwar schön sein kann, aber nicht auf jeder Fahrt.

    Und plötzlich ist die Ente nicht nur Roadtrip, Symbolik und Geräusch. Sie ist auch ein kleines Statement: DIY ist hier keine Bastelromantik, sondern eine Form von Freiheit.


    Schluss: Eine Ente, die mehr kann als fahren

    Der Citroën 2CV ist in Go Your Own Way nicht einfach ein Auto. Er ist ein Ton. Eine Farbe. Ein Gefühl. Eine kleine, klappernde Philosophie auf Rädern: Dass Unperfektheit Charme hat. Dass Freiheit nicht geschniegelt sein muss. Und dass manche Dinge erst dann richtig Bedeutung bekommen, wenn sie (fast) verschwunden sind.

    Vielleicht ist das die eigentliche Pointe:
    Die Ente fährt nicht nur durch die Handlung. Sie fährt durch Nicks Innenleben. 🦆💛

  • Wie ich Figuren wie Nick, Lucy & Co entwickle

    Wie ich Figuren wie Nick, Lucy & Co entwickle

    Figuren sind für mich das Herz jeder Geschichte. Orte, Musik, Stimmungen – all das kann noch so schön sein: Wenn die Menschen darin nicht lebendig wirken, bleibt der Roman am Ende flach.

    In meinen Büchern – gerade in der Reihe um Nick, Lucy & Co – sind die Figuren deshalb nie „zufällig“ da. Sie haben fast immer eine Geschichte, die weit über das hinausgeht, was im fertigen Text steht.


    Reale Vorbilder – aber keine Eins-zu-eins-Kopien

    Für nahezu alle meine Figuren gibt es reale Vorbilder. (In der Danksagung von Go Your Own Way erwähne ich das auch explizit.)

    Manchmal ist es:

    • das Aussehen,
    • manchmal eher Charakterzüge,
    • manchmal nur ein Beruf oder ein Hobby,
    • manchmal eine einzelne Geste oder eine typische Art zu reden.

    Aber: Schon bevor der eigentliche Schreibprozess beginnt, entwickeln diese Figuren in meinen Gedanken ein Eigenleben – und entfernen sich dabei oft weit von den Menschen, die mich ursprünglich inspiriert haben.

    Aus „der Kommilitone, der immer seine Gitarre dabeihatte“ wird vielleicht ein Schlagzeuger. Aus „der Freundin, die sich nie entschieden hat, was sie studieren soll“ wird eine hochfokussierte junge Frau, die alles durchplant – aber innerlich trotzdem genauso zweifelt.

    Die realen Vorbilder sind also eher Startpunkte als Schablonen. Sobald die Figuren im Roman angekommen sind, haben sie das Recht, sich anders zu verhalten als ihre „Originale“.


    Lebensläufe auf der Festplatte

    Damit dieses Eigenleben nicht in völliges Chaos ausartet, arbeite ich im Hintergrund ziemlich strukturiert.

    Zu nahezu allen Haupt- und Nebenfiguren gibt es bei mir einen Lebenslauf auf der Festplatte. Kein offizielles Bewerbungsdokument, sondern eher ein sehr ausführlicher Steckbrief, der z.B. enthält:

    • soziale Herkunft (Woher kommt die Person? Dorf? Stadt? Welche Milieus?),
    • Familie (Eltern, Geschwister, wichtige Bezugspersonen),
    • Hobbys und Interessen,
    • Erfahrungen und wichtige Erlebnisse,
    • kleine Anekdoten,
    • wie einzelne Figuren sich kennengelernt haben.

    Viele dieser Infos tauchen im Roman nie direkt auf. Aber sie sorgen dafür, dass ich die Figuren „von innen heraus“ verstehe.

    Wenn ich weiß, wie jemand aufgewachsen ist, wem er oder sie schon mal das Herz gebrochen hat, welches große Ziel im Hintergrund tickt – dann fällt es mir leichter zu entscheiden, wie diese Person in einer Szene reagiert: ob sie kontert, schweigt, ausweicht, lacht, übertreibt oder ehrlich wird.

    Außerdem hilft mir dieser Lebenslauf, auch nach Wochen oder Monaten noch genau zu wissen, wie ich die Figur ursprünglich konzipiert habe. Gerade bei längeren Projekten ist das Gold wert.


    Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – auch für mich

    Neben Text brauche ich noch etwas anderes, damit Figuren für mich wirklich „da“ sind: Bilder.

    Für alle wichtigen Figuren lasse ich mir Bilder erstellen – inzwischen meistens mithilfe von KI. Das läuft oft so:

    • Ich nehme die Beschreibung, die im Roman beim ersten Auftritt der Figur steht.
    • Diese Beschreibung lade ich bei einer Bild-KI hoch.
    • Ich bitte die KI, mir auf dieser Grundlage ein Porträt oder eine Szene mit der Person zu erzeugen.

    Das hat gleich mehrere Effekte:

    1. Check: Habe ich genug beschrieben?
      Wenn die KI mir ein Bild liefert, das so gar nicht zu meinem inneren Bild passt, frage ich mich:
      Habe ich im Text wirklich das erwähnt, was mir wichtig ist?
      Oder weiß ich zwar, dass die Figur Sommersprossen, abgewetzte Chucks und ein bestimmtes Lächeln hat – aber habe ich es den Leser:innen überhaupt mitgeteilt?
    2. Bessere Vorstellung im Schreiballtag
      Ein Bild hilft mir, eine Figur beim Schreiben „im Raum zu sehen“: Wie steht sie da? Wie sitzt sie? Welche Körperhaltung hat sie?
      Das sorgt dafür, dass Gestik und Mimik im Text stimmiger werden.
    3. Emotionale Nähe
      Wenn ich ein passendes Bild gefunden habe, fühlt sich die Figur für mich oft noch realer an. Ich sehe „Nick“ oder „Mike“ dann nicht mehr nur als Buchstabenfolge, sondern als jemanden, der mir auf Fotos und in Szenen begegnet.

    Die KI ersetzt dabei keine Fantasie – sie ist eher ein Spiegel: Sie zeigt mir, was ich bislang wirklich formuliert habe, und wo ich in meinem Kopf mehr weiß, als auf dem Papier steht.


    Wenn Figuren ihr Eigenleben entwickeln

    Spannend wird es immer dann, wenn Figuren anfangen, Dinge zu tun, die ich gar nicht geplant hatte.

    Vielleicht kennst du das Klischee vom Autor, der sagt: „Meine Figuren machen irgendwann, was sie wollen.“
    Klingt esoterisch – ist aber gar nicht so gemeint.

    Wenn ich eine Figur lange genug „füttere“ – mit Biografie, Bildern, typischen Reaktionen –, dann wird irgendwann klar, was sie in einer bestimmten Situation niemals tun würde. Oder was sie auf jeden Fall tun würde, auch wenn mir als Autor das Leben dadurch schwerer gemacht wird.

    • Vielleicht wollte ich, dass jemand im entscheidenden Moment cool bleibt – aber alles in mir schreit: „Nein, diese Person flippt hier aus!“
    • Oder ich hatte eine Romanze geplant, aber die Chemie zwischen zwei Figuren fühlt sich beim Schreiben einfach nicht stimmig an.

    Eine kleine Anekdote hierzu: Vor ein paar Tagen lief in meiner Küche das Radio und ich dachte mir: „Chris würde das Klaviersolo ganz anders spielen.“ Dann versuche ich, nicht gegen diese innere Logik anzuschreiben, sondern ihr zu folgen.
    Denn sobald ich anfange, Figuren nur noch wie Schachfiguren zu verschieben, merkt man das dem Text irgendwann an.


    Was das für Nick, Lucy & Co konkret bedeutet

    Nick, Lucy, Miriam, Jonas, Chris, Mike und all die anderen sind also Mischwesen:

    • ein Teil echte Menschen,
    • ein Teil Fiktion,
    • ein Teil „Was wäre, wenn…?“,
    • plus ein großer Teil Wirkung dessen, was beim Schreiben passiert.

    Vielleicht erkennst du dich irgendwann in einer Nebenfigur wieder – in einer Vorliebe für ein bestimmtes Getränk, einer Art zu sprechen, einer Haltung zur Welt. Dann ist das kein Zufall.

    Aber es bedeutet nicht, dass irgendjemand eins zu eins „abgebildet“ wird.
    Es sind immer neue Figuren, die sich in dieser Romanwelt bewegen, mit eigener Geschichte und eigener Entwicklung.


    Und für Leser:innen?

    Für dich als Leser:in heißt das:

    • Hinter jeder Figur steckt mehr, als auf den Seiten steht.
    • Manches davon wirst du beim Lesen spüren, ohne dass es direkt erklärt wird.
    • Und manches bleibt bewusst unsichtbar – aber es hilft mir, dass sich die Figuren anfühlen, als würden sie auch dann weiterexistieren, wenn das Kapitel zu Ende ist.

    Wenn du Lust hast zu sehen, wie sich das konkret anfühlt:
    Auf der Leseproben-Seite findest du eine Szene mit Nick und Miriam am Strand – zwei Figuren, die beide eine lange „unsichtbare“ Vorgeschichte auf meiner Festplatte haben.

    Vielleicht liest du sie ja mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass jede Figur ein kleines geheimes Dossier hat – und dass genau das sie lebendig macht.

  • Wie aus einer Wochenendreise an die Ostsee eine Romanreihe wurde

    Wie aus einer Wochenendreise an die Ostsee eine Romanreihe wurde


    Manchmal weiß man schon im Moment selbst, dass etwas Besonderes passiert. Manchmal merkt man es erst Jahre später, wenn man zurückschaut und feststellt: Da hat etwas angefangen, das ich damals noch gar nicht benennen konnte.
    So war es bei mir mit einer unscheinbaren Wochenendreise ans Meer.

    Ein Wochenende, das eigentlich nur eine Auszeit sein sollte

    Am Anfang stand kein großer Plan, kein „Ich fahre jetzt los, um Material für einen Roman zu sammeln“. Es war einfach ein Wochenende: raus aus dem Alltag, ans Wasser, ans Meer. Egal wohin – Hauptsache weg, um mal etwas anderes zu sehen.

    1998 saß ich an einem Donnerstagabend vor der Webseite der Deutschen Bahn und recherchierte, welche Stadt am Meer am schnellsten mit dem Zug und dem „Schönes-Wochenende-Ticket“ zu erreichen war. In die engere Wahl kamen Wilhelmshaven an der Nordsee und Travemünde an der Ostsee.

    Nach einem Anruf in der Jugendherberge in Wilhelmshaven, bei dem ich nicht gerade freundlich behandelt wurde, entschied ich mich spontan, am darauffolgenden Tag mit Regionalbahnen nach Travemünde zu tingeln.

    Lübeck, Travemünde, die Nähe zur Ostsee – das waren für mich erst einmal nur Orte auf der Karte. Aber schon nach den ersten Augenblicken wurden sie zu Schauplätzen: alte Häuser, Kopfsteinpflaster, der Hafen, das Licht über dem Wasser, der Geruch von Salz und feuchtem Holz. Dazu diese Mischung aus Ruhe und Bewegung: Schüler, Studierende, Tourist:innen, Leute, die einfach „ihr Leben leben“ – genau diese Stimmung, die später in meinen Romanen wieder auftaucht.


    Proberaum, Gespräche, Musik – und die Frage: Was wäre, wenn …?

    Parallel dazu trug ich etwas völlig anderes mit mir herum: die alte Idee von „Belletristik mit Soundtrack“.

    Mit Anfang zwanzig hatte ich The Beatles – Die Geschichte ihrer Musik von Mark Hertsgaard gelesen. Im Vorwort fordert Hertsgaard seine Leser auf, die beschriebenen Songs während der Lektüre zu hören. Dieser Gedanke hat sich bei mir festgesetzt: Warum gibt es so etwas nicht auch in Romanform? Geschichten, die so stark mit Musik verbunden sind, dass man sie eigentlich mit einem Soundtrack liest.

    An der Ostsee fiel auf einmal vieles zusammen: die Orte, die Stimmung am Wasser, mein eigenes Leben zwischen Ausbildung und Musik – und diese alte Idee von erzählter Belletristik mit Soundtrack. Ich ertappte mich immer öfter bei dem Gedanken:

    Was wäre, wenn hier eine Clique wohnen würde? Eine Band. Eine WG. Und jemand, der von weit her kommt und sein Leben plötzlich mit anderen Augen sieht?

    Aus dem „Was wäre, wenn …?“ wurden Notizen. Aus Notizen wurden Szenen.


    Nick und Miriam betreten die Bühne

    Nick war zuerst gar nicht als „Romanheld“ gedacht. Er war eher eine Projektionsfläche, eine Kiste, die man mit Ideen füllt – jemand, der, so wie ich an diesem Wochenende, alles zum ersten Mal sieht und dabei merkt, wie sehr ihn das verändert.

    Nach und nach bekam Nick mehr Konturen:
    19 Jahre alt, aus einem fränkischen Dorf, mitten in Ausbildung und Routinen, die ihn nicht wirklich erfüllen. Dann diese Fahrt an die Ostsee. Ich hatte sie damals allein unternommen; aber wie wäre es gewesen, wenn meine „gute Bekannte“ aus dem Chorprojekt mitgekommen wäre? Sie hatte vor Kurzem diesen Gitarristen in einer Heavy-Metal-Cover-Band kennengelernt, der Maschinenbau studierte. Ein gemeinsamer Roadtrip könnte vielleicht ihre Meinung verändern …

    Was als kleine Kurzgeschichte über ein Wochenende begann, wurde immer größer. Mehr Figuren drängten sich ins Bild, wollten ihre eigene Perspektive: Lucy, Jonas, Chris, Mike und all die anderen. Ich merkte: Das ist kein einzelner Text. Das ist eine Welt.

    Doch irgendwann, in den Wirren meiner späten Teenagerzeit, blieb das Projekt liegen – obwohl der Plot in meinem Kopf eigentlich schon fertig war.

    Bis zum Juli 2025, um drei Uhr nachts, als der kleine Mann in meinem Kopf mich weckte und fragte:
    „Warum hast du die Geschichte nie zu Ende geschrieben? In deinem Kopf ist sie doch fertig. Schreib sie zu Ende. Jetzt!“


    Warum aus einem Buch eine Reihe wurde

    Je länger ich an Go Your Own Way gearbeitet habe, desto klarer wurde mir: Ein einziges Wochenende reicht nicht.

    Wenn wir ehrlich sind, endet die eigentliche Geschichte ja nicht, wenn zwei Menschen am Sonntagabend auseinandergehen, sich am Bahnhof verabschieden oder beschließen, „es mal zu versuchen“. Eigentlich fängt sie da erst an.

    Also tauchten ganz automatisch neue Fragen auf:

    • Was passiert nach diesem Wochenendtrip an die Ostsee?
    • Was passiert, wenn Nick zurück nach Lübeck kommt – diesmal nicht nur als Gast, sondern als Bassist einer Band?
    • Wie verändert sich alles, wenn Social Media, Auftritte, Erwartungsdruck und Entfernungen dazukommen?
    • Und was ist mit dem ersten gemeinsamen Alltag – einer eigenen Wohnung, einem Wochenende zu zweit, ohne Eltern und WG, aber mit allen Unsicherheiten im Gepäck?

    Aus diesen Fragen entstanden die Ideen für Band 2 (When I Come Around, Arbeitstitel) und Band 3 (Closer, Arbeitstitel).
    Aus einem Gefühl am Strand wurde der Kern einer Romanreihe: ein junger Mann, der über mehrere Stationen hinweg seinen Platz in der Welt sucht – mit Musik als rotem Faden.


    Wie viel Ostsee wirklich in den Romanen steckt

    Oft stellt sich die Frage: „Ist das alles wirklich so passiert?“ oder etwas abgeschwächt: „Gibt es diese Orte wirklich?“

    Die ehrliche Antwort ist ein „Ja, aber…“:

    • Ja, Lübeck und Travemünde, die Ostsee, der Hafen, der Strand, der Segelclub – all diese Orte haben reale Vorbilder. Aber …
    • Nein, das Travemünde in meinem Kopf, die Stadt die ich 1998 bereiste, gibt es nicht mehr. Viele Häuser wurden abgerissen, vieles hat sich verändert.
    • Nein, die Romane sind kein Reisebericht und kein exakter Stadtplan.

    Ich nehme Atmosphären, Bilder, Gerüche, Lichtstimmungen und verdichte sie. Ein Strandabschnitt rutscht ein paar Meter nach links, zwei reale Cafés verschmelzen zu einem neuen, WG-Grundrisse orientieren sich eher daran, wie sich Szenen gut erzählen lassen, als an realer Wohnraumsituation.

    Mir ist weniger wichtig, ob jemand sagen kann: „Ach, das muss genau diese Kreuzung dort und dort sein“, sondern eher: Fühlt sich dieser Ort beim Lesen echt an?
    Wenn Leser:innen das Meer riechen, die WG-Küche hören, das klebrige Gefühl von Proberaum-Luft kennen – dann stimmt für mich mehr als bei jeder perfekten Google-Maps-Rekonstruktion.


    Belletristik mit Soundtrack – wie die Musik in den Text kommt

    Zurück zu Mark Hertsgaard und den Beatles: Die Idee von „Belletristik mit Soundtrack“ ist nie wieder verschwunden.

    In meiner Schreibpraxis sieht das ungefähr so aus:

    • Viele Szenen entstehen, weil ein bestimmter Song etwas in mir anstößt – ein Bild, eine Stimmung, eine Erinnerung.
    • Manche Kapitel haben einen heimlichen „Titelsong“, der für mich beim Schreiben im Hintergrund läuft.
    • An einigen Stellen tauchen Titel und Musiker:innen direkt im Text auf: als Musik im Auto, in der WG, auf der Bühne oder nachts im Kopfhörer.

    Die Leseprobe auf meiner Seite – die Strandszene mit Nick und Miriam – ist ein gutes Beispiel dafür:
    Die Songs, die sie spielen, sind mehr als musikalische Deko. Sie erzählen mit. Die Songzeilen spiegeln Dinge, die die Figuren (noch) nicht aussprechen, und geben ihrer Beziehung eine zusätzliche Ebene. Ohne die Musik wäre die Szene eine andere.

    Trotzdem sollen die Romane auch ohne Playlist funktionieren. Aber wer möchte, kann sie irgendwann so lesen, wie Hertsgaard es mit seinem Beatles-Buch angeregt hat:
    Buch auf, Playlist an.


    Was von diesem Wochenende geblieben ist

    Wenn ich heute an dieses erste Wochenende in Lübeck und Travemünde zurückdenke, sehe ich nicht nur Straßen, Wasser und Häuser. Ich sehe Nick, wie er zum ersten Mal die WG betritt. Ich höre Gespräche am Küchentisch, Songs im Proberaum, das Rauschen der Brandung im Hintergrund. Ich sehe Figuren, die zur Tür hereinkommen, obwohl ich sie damals noch gar nicht kannte.

    Aus ein paar Tagen Auszeit ist ein Langzeitprojekt geworden: eine Romanreihe über Musik, Freundschaft, erste Liebe und den Mut, das eigene Leben wirklich in die Hand zu nehmen.

    Und manchmal denke ich: Es war gut, dass ich 1998 nicht ahnen konnte, was ich mit diesem Wochenendticket alles lostrete. Vielleicht wäre ich sonst nie losgefahren.


    Lust auf einen ersten Einblick?

    Wenn du neugierig geworden bist:

    • Auf der Seite „Bücher“ stelle ich die drei Projekte ausführlicher vor.
    • Unter „Leseprobe“ findest du einen Ausschnitt aus Go Your Own Way: ein Vormittag am Strand mit Nick und Miriam – Musik, Meer und ein Moment, der alles ins Rollen bringt.

    Vielleicht liest du ihn ja irgendwann mit einer passenden Playlist im Hintergrund.
    So hat für mich alles angefangen.