Manche Figuren entstehen langsam. Man überlegt sich ihre Biografie, ihre Eigenheiten, ihre Funktion in der Geschichte. Man schiebt sie gedanklich ein wenig hin und her, bis sie irgendwann anfangen, wie echte Menschen zu wirken.
Und dann gibt es Manja.
Als für mich feststand, dass Go Your Own Way eine Fortsetzung bekommen sollte, war ebenso schnell klar: Es braucht neue Figuren. Denn so unterschiedlich Nick, Miriam, Lucy und die anderen auch sind, eines haben viele von ihnen gemeinsam: Sie sind auf ihre jeweils eigene Art erstaunlich brav und konventionell.
Da fehlte jemand.
Eine Krawallnudel.
Nicht unsympathisch, nicht rücksichtslos und schon gar nicht einfach nur laut. Sondern liebevoll chaotisch, ein bisschen anarchisch, politisch, selbstbewusst und mit einer gewissen Freude daran, Erwartungen nicht zu erfüllen.
In dem Moment, in dem diese Grundidee feststand, gingen gleich mehrere Schubladen auf.
Aus gutem Hause in Richtung Revolution
Sie ist 17 und stammt – ähnlich wie Lucy – aus einer gutbürgerlichen Lübecker Familie. Ihre Mutter ist Physiotherapeutin mit eigener Praxis. Eigentlich beste Voraussetzungen für einen ziemlich geradlinigen Lebensweg.
Nur hat diese 17-Jährige wenig Interesse an geraden Linien.
Wenn sie aus diesem Umfeld stammt und gleichzeitig zu der unangepassten, politisch links stehenden Figur werden sollte, die mir vorschwebte, brauchte es einen Bruch mit den Erwartungen ihres Umfelds.
Also schmeißt sie die Schule in der elften Klasse.
Nicht, weil ihr alles egal wäre. Im Gegenteil. Sie hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, was ihr wichtig ist. Nur stimmen diese Vorstellungen nicht unbedingt mit denen ihrer Mutter überein.
Sie engagiert sich politisch, geht auf Demonstrationen, liest Rosa Luxemburg genauso wie Manga und mischt sich ein, wenn sie etwas ungerecht findet. Hinter ihrem ganzen Chaos steckt deshalb ein ziemlich ernsthafter Kern: Sie kann schlecht dabei zusehen, wenn andere Menschen unter die Räder kommen.
Natürlich würde diese jugendliche Krawallnudel selbst das vermutlich weniger feierlich formulieren.
Sie bezeichnet sich lieber als „Trotzkistin mit Herz“.
Jette? Svea? Nein. Manja.
Auch der Name der Figur stand nicht sofort fest.
Von Anfang an wollte ich einen nordischen Namen. Zunächst hieß sie Jette. Danach wurde aus Jette Svea.
Aber je deutlicher die Figur vor meinem inneren Auge wurde, desto weniger passten beide Namen.
Jette war mir zu brav.
Svea ebenfalls.
Und eine Frau, die sich nicht an die Erwartungen ihrer Umgebung hält, sollte wenigstens einen Namen bekommen, der sich für mich nach ihr anfühlt.
So wurde aus Jette über Svea schließlich Manja. Den Namen verdankt sie übrigens einer ehemaligen Arbeitskollegin. Grüße an dieser Stelle an die echte Manja!
Und damit war sie plötzlich da.
Fast.
Denn eine Sache fehlte noch: Wo verbringt jemand wie Manja eigentlich seine Zeit?
Wenn die Recherche plötzlich den Roman kennt
Im ersten Entwurf von When I Come Around arbeitete Manja in einem fiktiven alternativen Kulturzentrum namens „UFER“.
Das funktionierte. Aber es fühlte sich eben auch erfunden an.
Dann fuhr ich für die Recherche zum Roman nach Lübeck.
In der Clemensstraße entdeckte ich das schickSAAL, ein kollektiv betriebenes Hostel mit Kneipe. Und das auch noch gegenüber vom Blauen Engel, einem Schauplatz, der bereits in Go Your Own Way eine Rolle spielt.
Ich ging hinein.
Und plötzlich stand ich in Manjas Welt.
Das war einer dieser wunderbaren Momente beim Schreiben, in denen die Wirklichkeit eine bereits erfundene Kulisse einfach ersetzt. Manja war zu diesem Zeitpunkt längst als Figur fertig. Ich hatte das schickSAAL nicht gesucht, um einen passenden Ort für sie zu finden.
Ich hatte den Ort gefunden und wusste sofort: Hier arbeitet Manja.
Also erzählte ich dem Mann hinter der Theke von meiner Romanfigur.
Seine Antwort war sinngemäß:
„Schick Manja vorbei. So jemanden können wir hier dringend gebrauchen.“
Damit war die Sache entschieden.
Das fiktive „UFER“ flog aus dem Manuskript. Manja zog ins schickSAAL.
Dort kellnert und kocht sie, kauft ein, gestaltet und verteilt Plakate, schleppt Boxen und putzt irgendwann auch, wenn es sonst wirklich niemand mehr erträgt.
Manchmal schläft sie dort sogar im Lager.
Ihre Mutter bezeichnet den Ort als „linkes Chaosloch“.
Manja nennt ihn „Zuhause mit Espresso“.
Und dann wäre da noch dieser Roller
Natürlich braucht eine Figur wie Manja auch einen angemessenen Auftritt.
Bei ihrem ersten Erscheinen fährt sie deshalb nicht einfach vor.
Sie kommt auf einem modifizierten chinesischen Elektroroller in den Innenhof. Mit vierzehn Spiegeln. Einer Lichterkette. Quietschpinken Doc Martens. Und einem Motor, der klingt wie ein rebellischer Staubsauger, der sich weigert, die Hausarbeit zu machen.
Ihre ersten Worte:
„NOTFALL-EINSATZ! Die Revolution des Contents ist eingetroffen!“
Spätestens da wusste ich: Ja. Genau so ist sie.
Die unzähligen Spiegel am Roller sind übrigens kein Zufall. Sie sind eine kleine versteckte musikalische Reminiszenz an Quadrophenia von The Who und die mit Spiegeln übersäten Motorroller der Mod-Kultur.
Solche kleinen musikalischen Verweise verstecke ich gerne in meinen Geschichten. Man muss sie nicht erkennen. Aber wer sie entdeckt, darf sich freuen.
Eine Figur, die Unordnung mitbringt
Manja ist also nicht Detail für Detail am Reißbrett entstanden.
Am Anfang stand eigentlich nur das Gefühl, dass meiner Figurenwelt jemand fehlt, der ein wenig kräftiger gegen die Wände klopft. Als die anarchische Krawallnudel einmal feststand, kam erstaunlich schnell eines zum anderen:
Das gutbürgerliche Elternhaus, der Bruch mit der Schule, ihre politische Haltung, ihr Humor, die pinken Doc Martens, der Name und schließlich ein realer Ort in Lübeck, der so gut zu ihr passte, dass ich ihn niemals hätte erfinden können.
Und vielleicht mag ich genau deshalb ihren ersten Auftritt so sehr.
Andere Figuren öffnen eine Tür und betreten eine Szene.
Manja kommt auf einem lauten Elektroroller mit vierzehn Spiegeln um die Ecke und ruft die Revolution aus.
Manchmal weiß man als Autor dann einfach:
Die bleibt.
