Autor: S. Arndt

  • Die Ukulele-Szene: Warum genau diese 2-3 Songs ziehen

    Die Ukulele-Szene: Warum genau diese 2-3 Songs ziehen

    Es gibt Szenen, da wäre jede Erklärung zu viel. In Go Your Own Way ist die Ukulele-Szene genau so ein Moment: Drei Jugendliche, eine Nacht, ein Auto, ein Wochenende, das plötzlich nach „wir“ klingt. Musik ist hier kein Deko-Objekt und auch kein „Schaut mal, was ich alles kenne“. Sie ist Abkürzung. Stimmung in zwei Akkorden. Nähe ohne großes Gerede.

    (Und immer gilt: Songtitel ja, Lyrics nein. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet den Hintergrund hier: → [Musik in Romanen & Urheberrecht].)

    Die zwei Songs in der Szene

    In der Ukulele-Szene tauchen zwei Songs auf:

    • „Somewhere Over the Rainbow / What a Wonderful World“ von Israel ‘IZ’ Kamakawiwo’ole
    • „Wonderwall“ von Oasis

    Beide sind bekannt. Aber sie machen zwei komplett unterschiedliche Jobs.

    Was ich gesucht habe (und was ich vermeiden wollte)

    Ich wollte Songs, die frisch wirken, jugendlich, sofort verständlich, ohne dass die Szene nach „Playlist-Abhaken“ riecht. Und: Sie mussten realistisch spielbar sein. Miriam lernt seit etwa 6 bis 8 Monaten Gitarre. Damit fallen manche „Wow, Künstlerstück“-Nummern einfach raus. Ich wollte etwas, das man wirklich im Freundeskreis spielen kann, ohne dass es unglaubwürdig wird.

    Und dann kommt noch ein sehr praktischer Autor-Moment dazu: Beim Schreiben brauche ich Sound im Ohr. Nicht als Dauerbeschallung, eher wie ein inneres Echo. Wenn das fehlt, wird der Text schnell… trocken. Als würde jemand eine Kerze beschreiben, ohne Wärme zu fühlen.

    Warum „IZ“ auf der Ukulele so gut funktioniert

    Miriams Schreibtisch: Aufgabenheft, Halskettchen, Textmarker, Haargummi, Ukulele und Karteikarten

    Bei „IZ“ passiert etwas, das selten ist: Du liest den Titel und hast sofort einen Klang im Kopf. Ukulele, warm, weich, offen. Ein Song, der keine Tür auftritt, sondern sie leise aufschiebt.

    Das ist in der Szene entscheidend. Die Ukulele soll nicht beeindrucken. Sie soll die Luft verändern. Dieses „Wir sind gerade jung und es ist okay, dass wir das spüren“-Gefühl. „IZ“ liefert genau das. Er nimmt Hektik raus, ohne dass die Szene einschläft. Er legt so einen leichten Filter über alles, wie wenn man nachts im Auto sitzt und die Straßenlaternen kurz wie Sternschnuppen wirken.

    Und: Er ist spielbar. Nicht im Sinne von „super easy, kann jeder“, sondern im Sinne von „das kriegt man hin, wenn man dranbleibt“. Das passt zu Miriam. Man merkt: Sie lernt, sie übt, sie hat Bock. Kein Bühnenprofi. Eher jemand, der mit Musik Räume baut.

    Warum es ursprünglich Bob Marley sein sollte (und warum es dann doch anders wurde)

    Der Plan war erst ein anderer: „Three Little Birds“ von Bob Marley. Der Entwurf war sogar schon in Arbeit. Aber beim Schreiben habe ich gemerkt: Ich hatte den Song nicht klar genug im Ohr. Ich wusste, wie ich ihn emotional meine, aber nicht, wie er sich auf der Ukulele in genau dieser Szene anfühlt.

    Und das ist der Punkt: Wenn ich als Autor selbst keinen Sound im Kopf habe, wird die Szene leicht behauptet statt erlebt. Das merkt man zwischen den Zeilen. Also habe ich umgeschwenkt. Nicht, weil Marley nicht funktionieren würde, sondern weil ich etwas brauchte, das in meinem Kopf sofort „Ukulele“ sagt und bei den meisten Leserinnen und Lesern ebenfalls.

    So kam ich zu „IZ“.

    Warum „Wonderwall“ bleiben musste (gell Steve 😉)

    „Wonderwall“ ist ein ganz anderer Hebel. Der Song ist keine warme Decke, eher ein gemeinsames Lagerfeuer. Jeder kennt ihn, jeder kann reinfallen, sogar wenn man die Akkorde nur so halb trifft. Und genau das ist an dieser Stelle wichtig: Es geht nicht darum, perfekt zu spielen. Es geht darum, dass man sich traut, zusammen zu sein.

    Ich habe beim Suchen nach Songs gemerkt, dass ich unweigerlich bei meiner eigenen Jugend lande. Ich erinnere mich an diese Autofahrten mit 19, an Mitsingen, an dieses alberne, ernsthafte Gefühl, dass das Leben gerade erst anfängt. Und ja, das kam sehr oft vor. Gell, Steve. 😉

    „Wonderwall“ ist damit auch eine Reminiszenz. Nicht aufdringlich, eher wie ein kleiner persönlicher Fingerabdruck. Und gleichzeitig ist er so universell, dass er nicht privat wirkt. Er ist ein Song, der sofort ein „Wir“ herstellen kann. Einer spielt, die anderen grinsen, einer setzt ein, plötzlich ist man nicht mehr allein in seinem Kopf.

    Für Miriam ist er außerdem glaubwürdig. Wer ein halbes Jahr Gitarre lernt, landet früher oder später bei genau solchen Songs. Nicht, weil man unoriginell ist, sondern weil es die Lieder sind, die einen tragen, wenn man noch auf der Schwelle steht zwischen „Ich probier das mal“ und „Ich kann das wirklich“.

    Bonus: Auch der Song im Kassettendeck hat eine echte Vorgeschichte

    Und dann gibt es noch diese andere Ebene im Buch: Musik, die nicht nur Szene färbt, sondern Erinnerung auslöst.

    Als ich 19 oder 20 war, fuhren meine Eltern in den Urlaub und ließen das Käfer Cabrio meiner Mutter bei meiner Oma in der Garage stehen. Natürlich konnte ich nicht widerstehen. Ich habe Freunde und Bekannte eingesammelt, wir sind zum Schwimmen gefahren, irgendwohin, Hauptsache unterwegs.

    Dabei liefen die Kassetten meiner Eltern. Unter anderem: „I’ll Find My Way Home“ von Jon & Vangelis. Bis heute sprechen mich alte Freunde manchmal darauf an. Nicht nur auf den Käfer, sondern auf diesen Song. Weil er sich in diese Nächte eingebrannt hat, wie ein kleiner Stempel auf „Sommerfreiheit“. Ein Track, der einem ins Gehirn impft: Die Welt ist groß und du bist gerade unterwegs darin.

    Genau so möchte ich Musik im Roman einsetzen. Nicht als Lexikon, sondern als Tür.

    Wenn du die Szene lesen willst

    Die Ukulele-Szene ist Teil von Kapitel 4. Wenn du reinschnuppern willst: → [Leseprobe] (Hinweis: Szene kommt in Kapitel 4)

  • Wie ich Figuren wie Nick, Lucy & Co entwickle

    Wie ich Figuren wie Nick, Lucy & Co entwickle

    Figuren sind für mich das Herz jeder Geschichte. Orte, Musik, Stimmungen – all das kann noch so schön sein: Wenn die Menschen darin nicht lebendig wirken, bleibt der Roman am Ende flach.

    In meinen Büchern – gerade in der Reihe um Nick, Lucy & Co – sind die Figuren deshalb nie „zufällig“ da. Sie haben fast immer eine Geschichte, die weit über das hinausgeht, was im fertigen Text steht.


    Reale Vorbilder – aber keine Eins-zu-eins-Kopien

    Für nahezu alle meine Figuren gibt es reale Vorbilder. (In der Danksagung von Go Your Own Way erwähne ich das auch explizit.)

    Manchmal ist es:

    • das Aussehen,
    • manchmal eher Charakterzüge,
    • manchmal nur ein Beruf oder ein Hobby,
    • manchmal eine einzelne Geste oder eine typische Art zu reden.

    Aber: Schon bevor der eigentliche Schreibprozess beginnt, entwickeln diese Figuren in meinen Gedanken ein Eigenleben – und entfernen sich dabei oft weit von den Menschen, die mich ursprünglich inspiriert haben.

    Aus „der Kommilitone, der immer seine Gitarre dabeihatte“ wird vielleicht ein Schlagzeuger. Aus „der Freundin, die sich nie entschieden hat, was sie studieren soll“ wird eine hochfokussierte junge Frau, die alles durchplant – aber innerlich trotzdem genauso zweifelt.

    Die realen Vorbilder sind also eher Startpunkte als Schablonen. Sobald die Figuren im Roman angekommen sind, haben sie das Recht, sich anders zu verhalten als ihre „Originale“.


    Lebensläufe auf der Festplatte

    Damit dieses Eigenleben nicht in völliges Chaos ausartet, arbeite ich im Hintergrund ziemlich strukturiert.

    Zu nahezu allen Haupt- und Nebenfiguren gibt es bei mir einen Lebenslauf auf der Festplatte. Kein offizielles Bewerbungsdokument, sondern eher ein sehr ausführlicher Steckbrief, der z.B. enthält:

    • soziale Herkunft (Woher kommt die Person? Dorf? Stadt? Welche Milieus?),
    • Familie (Eltern, Geschwister, wichtige Bezugspersonen),
    • Hobbys und Interessen,
    • Erfahrungen und wichtige Erlebnisse,
    • kleine Anekdoten,
    • wie einzelne Figuren sich kennengelernt haben.

    Viele dieser Infos tauchen im Roman nie direkt auf. Aber sie sorgen dafür, dass ich die Figuren „von innen heraus“ verstehe.

    Wenn ich weiß, wie jemand aufgewachsen ist, wem er oder sie schon mal das Herz gebrochen hat, welches große Ziel im Hintergrund tickt – dann fällt es mir leichter zu entscheiden, wie diese Person in einer Szene reagiert: ob sie kontert, schweigt, ausweicht, lacht, übertreibt oder ehrlich wird.

    Außerdem hilft mir dieser Lebenslauf, auch nach Wochen oder Monaten noch genau zu wissen, wie ich die Figur ursprünglich konzipiert habe. Gerade bei längeren Projekten ist das Gold wert.


    Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – auch für mich

    Neben Text brauche ich noch etwas anderes, damit Figuren für mich wirklich „da“ sind: Bilder.

    Für alle wichtigen Figuren lasse ich mir Bilder erstellen – inzwischen meistens mithilfe von KI. Das läuft oft so:

    • Ich nehme die Beschreibung, die im Roman beim ersten Auftritt der Figur steht.
    • Diese Beschreibung lade ich bei einer Bild-KI hoch.
    • Ich bitte die KI, mir auf dieser Grundlage ein Porträt oder eine Szene mit der Person zu erzeugen.

    Das hat gleich mehrere Effekte:

    1. Check: Habe ich genug beschrieben?
      Wenn die KI mir ein Bild liefert, das so gar nicht zu meinem inneren Bild passt, frage ich mich:
      Habe ich im Text wirklich das erwähnt, was mir wichtig ist?
      Oder weiß ich zwar, dass die Figur Sommersprossen, abgewetzte Chucks und ein bestimmtes Lächeln hat – aber habe ich es den Leser:innen überhaupt mitgeteilt?
    2. Bessere Vorstellung im Schreiballtag
      Ein Bild hilft mir, eine Figur beim Schreiben „im Raum zu sehen“: Wie steht sie da? Wie sitzt sie? Welche Körperhaltung hat sie?
      Das sorgt dafür, dass Gestik und Mimik im Text stimmiger werden.
    3. Emotionale Nähe
      Wenn ich ein passendes Bild gefunden habe, fühlt sich die Figur für mich oft noch realer an. Ich sehe „Nick“ oder „Mike“ dann nicht mehr nur als Buchstabenfolge, sondern als jemanden, der mir auf Fotos und in Szenen begegnet.

    Die KI ersetzt dabei keine Fantasie – sie ist eher ein Spiegel: Sie zeigt mir, was ich bislang wirklich formuliert habe, und wo ich in meinem Kopf mehr weiß, als auf dem Papier steht.


    Wenn Figuren ihr Eigenleben entwickeln

    Spannend wird es immer dann, wenn Figuren anfangen, Dinge zu tun, die ich gar nicht geplant hatte.

    Vielleicht kennst du das Klischee vom Autor, der sagt: „Meine Figuren machen irgendwann, was sie wollen.“
    Klingt esoterisch – ist aber gar nicht so gemeint.

    Wenn ich eine Figur lange genug „füttere“ – mit Biografie, Bildern, typischen Reaktionen –, dann wird irgendwann klar, was sie in einer bestimmten Situation niemals tun würde. Oder was sie auf jeden Fall tun würde, auch wenn mir als Autor das Leben dadurch schwerer gemacht wird.

    • Vielleicht wollte ich, dass jemand im entscheidenden Moment cool bleibt – aber alles in mir schreit: „Nein, diese Person flippt hier aus!“
    • Oder ich hatte eine Romanze geplant, aber die Chemie zwischen zwei Figuren fühlt sich beim Schreiben einfach nicht stimmig an.

    Eine kleine Anekdote hierzu: Vor ein paar Tagen lief in meiner Küche das Radio und ich dachte mir: „Chris würde das Klaviersolo ganz anders spielen.“ Dann versuche ich, nicht gegen diese innere Logik anzuschreiben, sondern ihr zu folgen.
    Denn sobald ich anfange, Figuren nur noch wie Schachfiguren zu verschieben, merkt man das dem Text irgendwann an.


    Was das für Nick, Lucy & Co konkret bedeutet

    Nick, Lucy, Miriam, Jonas, Chris, Mike und all die anderen sind also Mischwesen:

    • ein Teil echte Menschen,
    • ein Teil Fiktion,
    • ein Teil „Was wäre, wenn…?“,
    • plus ein großer Teil Wirkung dessen, was beim Schreiben passiert.

    Vielleicht erkennst du dich irgendwann in einer Nebenfigur wieder – in einer Vorliebe für ein bestimmtes Getränk, einer Art zu sprechen, einer Haltung zur Welt. Dann ist das kein Zufall.

    Aber es bedeutet nicht, dass irgendjemand eins zu eins „abgebildet“ wird.
    Es sind immer neue Figuren, die sich in dieser Romanwelt bewegen, mit eigener Geschichte und eigener Entwicklung.


    Und für Leser:innen?

    Für dich als Leser:in heißt das:

    • Hinter jeder Figur steckt mehr, als auf den Seiten steht.
    • Manches davon wirst du beim Lesen spüren, ohne dass es direkt erklärt wird.
    • Und manches bleibt bewusst unsichtbar – aber es hilft mir, dass sich die Figuren anfühlen, als würden sie auch dann weiterexistieren, wenn das Kapitel zu Ende ist.

    Wenn du Lust hast zu sehen, wie sich das konkret anfühlt:
    Auf der Leseproben-Seite findest du eine Szene mit Nick und Miriam am Strand – zwei Figuren, die beide eine lange „unsichtbare“ Vorgeschichte auf meiner Festplatte haben.

    Vielleicht liest du sie ja mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass jede Figur ein kleines geheimes Dossier hat – und dass genau das sie lebendig macht.

  • Wie aus einer Wochenendreise an die Ostsee eine Romanreihe wurde

    Wie aus einer Wochenendreise an die Ostsee eine Romanreihe wurde


    Manchmal weiß man schon im Moment selbst, dass etwas Besonderes passiert. Manchmal merkt man es erst Jahre später, wenn man zurückschaut und feststellt: Da hat etwas angefangen, das ich damals noch gar nicht benennen konnte.
    So war es bei mir mit einer unscheinbaren Wochenendreise ans Meer.

    Ein Wochenende, das eigentlich nur eine Auszeit sein sollte

    Am Anfang stand kein großer Plan, kein „Ich fahre jetzt los, um Material für einen Roman zu sammeln“. Es war einfach ein Wochenende: raus aus dem Alltag, ans Wasser, ans Meer. Egal wohin – Hauptsache weg, um mal etwas anderes zu sehen.

    1998 saß ich an einem Donnerstagabend vor der Webseite der Deutschen Bahn und recherchierte, welche Stadt am Meer am schnellsten mit dem Zug und dem „Schönes-Wochenende-Ticket“ zu erreichen war. In die engere Wahl kamen Wilhelmshaven an der Nordsee und Travemünde an der Ostsee.

    Nach einem Anruf in der Jugendherberge in Wilhelmshaven, bei dem ich nicht gerade freundlich behandelt wurde, entschied ich mich spontan, am darauffolgenden Tag mit Regionalbahnen nach Travemünde zu tingeln.

    Lübeck, Travemünde, die Nähe zur Ostsee – das waren für mich erst einmal nur Orte auf der Karte. Aber schon nach den ersten Augenblicken wurden sie zu Schauplätzen: alte Häuser, Kopfsteinpflaster, der Hafen, das Licht über dem Wasser, der Geruch von Salz und feuchtem Holz. Dazu diese Mischung aus Ruhe und Bewegung: Schüler, Studierende, Tourist:innen, Leute, die einfach „ihr Leben leben“ – genau diese Stimmung, die später in meinen Romanen wieder auftaucht.


    Proberaum, Gespräche, Musik – und die Frage: Was wäre, wenn …?

    Parallel dazu trug ich etwas völlig anderes mit mir herum: die alte Idee von „Belletristik mit Soundtrack“.

    Mit Anfang zwanzig hatte ich The Beatles – Die Geschichte ihrer Musik von Mark Hertsgaard gelesen. Im Vorwort fordert Hertsgaard seine Leser auf, die beschriebenen Songs während der Lektüre zu hören. Dieser Gedanke hat sich bei mir festgesetzt: Warum gibt es so etwas nicht auch in Romanform? Geschichten, die so stark mit Musik verbunden sind, dass man sie eigentlich mit einem Soundtrack liest.

    An der Ostsee fiel auf einmal vieles zusammen: die Orte, die Stimmung am Wasser, mein eigenes Leben zwischen Ausbildung und Musik – und diese alte Idee von erzählter Belletristik mit Soundtrack. Ich ertappte mich immer öfter bei dem Gedanken:

    Was wäre, wenn hier eine Clique wohnen würde? Eine Band. Eine WG. Und jemand, der von weit her kommt und sein Leben plötzlich mit anderen Augen sieht?

    Aus dem „Was wäre, wenn …?“ wurden Notizen. Aus Notizen wurden Szenen.


    Nick und Miriam betreten die Bühne

    Nick war zuerst gar nicht als „Romanheld“ gedacht. Er war eher eine Projektionsfläche, eine Kiste, die man mit Ideen füllt – jemand, der, so wie ich an diesem Wochenende, alles zum ersten Mal sieht und dabei merkt, wie sehr ihn das verändert.

    Nach und nach bekam Nick mehr Konturen:
    19 Jahre alt, aus einem fränkischen Dorf, mitten in Ausbildung und Routinen, die ihn nicht wirklich erfüllen. Dann diese Fahrt an die Ostsee. Ich hatte sie damals allein unternommen; aber wie wäre es gewesen, wenn meine „gute Bekannte“ aus dem Chorprojekt mitgekommen wäre? Sie hatte vor Kurzem diesen Gitarristen in einer Heavy-Metal-Cover-Band kennengelernt, der Maschinenbau studierte. Ein gemeinsamer Roadtrip könnte vielleicht ihre Meinung verändern …

    Was als kleine Kurzgeschichte über ein Wochenende begann, wurde immer größer. Mehr Figuren drängten sich ins Bild, wollten ihre eigene Perspektive: Lucy, Jonas, Chris, Mike und all die anderen. Ich merkte: Das ist kein einzelner Text. Das ist eine Welt.

    Doch irgendwann, in den Wirren meiner späten Teenagerzeit, blieb das Projekt liegen – obwohl der Plot in meinem Kopf eigentlich schon fertig war.

    Bis zum Juli 2025, um drei Uhr nachts, als der kleine Mann in meinem Kopf mich weckte und fragte:
    „Warum hast du die Geschichte nie zu Ende geschrieben? In deinem Kopf ist sie doch fertig. Schreib sie zu Ende. Jetzt!“


    Warum aus einem Buch eine Reihe wurde

    Je länger ich an Go Your Own Way gearbeitet habe, desto klarer wurde mir: Ein einziges Wochenende reicht nicht.

    Wenn wir ehrlich sind, endet die eigentliche Geschichte ja nicht, wenn zwei Menschen am Sonntagabend auseinandergehen, sich am Bahnhof verabschieden oder beschließen, „es mal zu versuchen“. Eigentlich fängt sie da erst an.

    Also tauchten ganz automatisch neue Fragen auf:

    • Was passiert nach diesem Wochenendtrip an die Ostsee?
    • Was passiert, wenn Nick zurück nach Lübeck kommt – diesmal nicht nur als Gast, sondern als Bassist einer Band?
    • Wie verändert sich alles, wenn Social Media, Auftritte, Erwartungsdruck und Entfernungen dazukommen?
    • Und was ist mit dem ersten gemeinsamen Alltag – einer eigenen Wohnung, einem Wochenende zu zweit, ohne Eltern und WG, aber mit allen Unsicherheiten im Gepäck?

    Aus diesen Fragen entstanden die Ideen für Band 2 (When I Come Around, Arbeitstitel) und Band 3 (Closer, Arbeitstitel).
    Aus einem Gefühl am Strand wurde der Kern einer Romanreihe: ein junger Mann, der über mehrere Stationen hinweg seinen Platz in der Welt sucht – mit Musik als rotem Faden.


    Wie viel Ostsee wirklich in den Romanen steckt

    Oft stellt sich die Frage: „Ist das alles wirklich so passiert?“ oder etwas abgeschwächt: „Gibt es diese Orte wirklich?“

    Die ehrliche Antwort ist ein „Ja, aber…“:

    • Ja, Lübeck und Travemünde, die Ostsee, der Hafen, der Strand, der Segelclub – all diese Orte haben reale Vorbilder. Aber …
    • Nein, das Travemünde in meinem Kopf, die Stadt die ich 1998 bereiste, gibt es nicht mehr. Viele Häuser wurden abgerissen, vieles hat sich verändert.
    • Nein, die Romane sind kein Reisebericht und kein exakter Stadtplan.

    Ich nehme Atmosphären, Bilder, Gerüche, Lichtstimmungen und verdichte sie. Ein Strandabschnitt rutscht ein paar Meter nach links, zwei reale Cafés verschmelzen zu einem neuen, WG-Grundrisse orientieren sich eher daran, wie sich Szenen gut erzählen lassen, als an realer Wohnraumsituation.

    Mir ist weniger wichtig, ob jemand sagen kann: „Ach, das muss genau diese Kreuzung dort und dort sein“, sondern eher: Fühlt sich dieser Ort beim Lesen echt an?
    Wenn Leser:innen das Meer riechen, die WG-Küche hören, das klebrige Gefühl von Proberaum-Luft kennen – dann stimmt für mich mehr als bei jeder perfekten Google-Maps-Rekonstruktion.


    Belletristik mit Soundtrack – wie die Musik in den Text kommt

    Zurück zu Mark Hertsgaard und den Beatles: Die Idee von „Belletristik mit Soundtrack“ ist nie wieder verschwunden.

    In meiner Schreibpraxis sieht das ungefähr so aus:

    • Viele Szenen entstehen, weil ein bestimmter Song etwas in mir anstößt – ein Bild, eine Stimmung, eine Erinnerung.
    • Manche Kapitel haben einen heimlichen „Titelsong“, der für mich beim Schreiben im Hintergrund läuft.
    • An einigen Stellen tauchen Titel und Musiker:innen direkt im Text auf: als Musik im Auto, in der WG, auf der Bühne oder nachts im Kopfhörer.

    Die Leseprobe auf meiner Seite – die Strandszene mit Nick und Miriam – ist ein gutes Beispiel dafür:
    Die Songs, die sie spielen, sind mehr als musikalische Deko. Sie erzählen mit. Die Songzeilen spiegeln Dinge, die die Figuren (noch) nicht aussprechen, und geben ihrer Beziehung eine zusätzliche Ebene. Ohne die Musik wäre die Szene eine andere.

    Trotzdem sollen die Romane auch ohne Playlist funktionieren. Aber wer möchte, kann sie irgendwann so lesen, wie Hertsgaard es mit seinem Beatles-Buch angeregt hat:
    Buch auf, Playlist an.


    Was von diesem Wochenende geblieben ist

    Wenn ich heute an dieses erste Wochenende in Lübeck und Travemünde zurückdenke, sehe ich nicht nur Straßen, Wasser und Häuser. Ich sehe Nick, wie er zum ersten Mal die WG betritt. Ich höre Gespräche am Küchentisch, Songs im Proberaum, das Rauschen der Brandung im Hintergrund. Ich sehe Figuren, die zur Tür hereinkommen, obwohl ich sie damals noch gar nicht kannte.

    Aus ein paar Tagen Auszeit ist ein Langzeitprojekt geworden: eine Romanreihe über Musik, Freundschaft, erste Liebe und den Mut, das eigene Leben wirklich in die Hand zu nehmen.

    Und manchmal denke ich: Es war gut, dass ich 1998 nicht ahnen konnte, was ich mit diesem Wochenendticket alles lostrete. Vielleicht wäre ich sonst nie losgefahren.


    Lust auf einen ersten Einblick?

    Wenn du neugierig geworden bist:

    • Auf der Seite „Bücher“ stelle ich die drei Projekte ausführlicher vor.
    • Unter „Leseprobe“ findest du einen Ausschnitt aus Go Your Own Way: ein Vormittag am Strand mit Nick und Miriam – Musik, Meer und ein Moment, der alles ins Rollen bringt.

    Vielleicht liest du ihn ja irgendwann mit einer passenden Playlist im Hintergrund.
    So hat für mich alles angefangen.