Autor: S. Arndt

  • Die Ukulele-Szene: Warum genau diese 2-3 Songs ziehen

    Die Ukulele-Szene: Warum genau diese 2-3 Songs ziehen

    Es gibt Szenen, da wäre jede Erklärung zu viel. In Go Your Own Way ist die Ukulele-Szene genau so ein Moment: Drei Jugendliche, eine Nacht, ein Auto, ein Wochenende, das plötzlich nach „wir“ klingt. Musik ist hier kein Deko-Objekt und auch kein „Schaut mal, was ich alles kenne“. Sie ist Abkürzung. Stimmung in zwei Akkorden. Nähe ohne großes Gerede.

    (Und immer gilt: Songtitel ja, Lyrics nein. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet den Hintergrund hier: → [Musik in Romanen & Urheberrecht].)

    Die zwei Songs in der Szene

    In der Ukulele-Szene tauchen zwei Songs auf:

    • „Somewhere Over the Rainbow / What a Wonderful World“ von Israel ‘IZ’ Kamakawiwo’ole
    • „Wonderwall“ von Oasis

    Beide sind bekannt. Aber sie machen zwei komplett unterschiedliche Jobs.

    Was ich gesucht habe (und was ich vermeiden wollte)

    Ich wollte Songs, die frisch wirken, jugendlich, sofort verständlich, ohne dass die Szene nach „Playlist-Abhaken“ riecht. Und: Sie mussten realistisch spielbar sein. Miriam lernt seit etwa 6 bis 8 Monaten Gitarre. Damit fallen manche „Wow, Künstlerstück“-Nummern einfach raus. Ich wollte etwas, das man wirklich im Freundeskreis spielen kann, ohne dass es unglaubwürdig wird.

    Und dann kommt noch ein sehr praktischer Autor-Moment dazu: Beim Schreiben brauche ich Sound im Ohr. Nicht als Dauerbeschallung, eher wie ein inneres Echo. Wenn das fehlt, wird der Text schnell… trocken. Als würde jemand eine Kerze beschreiben, ohne Wärme zu fühlen.

    Warum „IZ“ auf der Ukulele so gut funktioniert

    Miriams Schreibtisch: Aufgabenheft, Halskettchen, Textmarker, Haargummi, Ukulele und Karteikarten

    Bei „IZ“ passiert etwas, das selten ist: Du liest den Titel und hast sofort einen Klang im Kopf. Ukulele, warm, weich, offen. Ein Song, der keine Tür auftritt, sondern sie leise aufschiebt.

    Das ist in der Szene entscheidend. Die Ukulele soll nicht beeindrucken. Sie soll die Luft verändern. Dieses „Wir sind gerade jung und es ist okay, dass wir das spüren“-Gefühl. „IZ“ liefert genau das. Er nimmt Hektik raus, ohne dass die Szene einschläft. Er legt so einen leichten Filter über alles, wie wenn man nachts im Auto sitzt und die Straßenlaternen kurz wie Sternschnuppen wirken.

    Und: Er ist spielbar. Nicht im Sinne von „super easy, kann jeder“, sondern im Sinne von „das kriegt man hin, wenn man dranbleibt“. Das passt zu Miriam. Man merkt: Sie lernt, sie übt, sie hat Bock. Kein Bühnenprofi. Eher jemand, der mit Musik Räume baut.

    Warum es ursprünglich Bob Marley sein sollte (und warum es dann doch anders wurde)

    Der Plan war erst ein anderer: „Three Little Birds“ von Bob Marley. Der Entwurf war sogar schon in Arbeit. Aber beim Schreiben habe ich gemerkt: Ich hatte den Song nicht klar genug im Ohr. Ich wusste, wie ich ihn emotional meine, aber nicht, wie er sich auf der Ukulele in genau dieser Szene anfühlt.

    Und das ist der Punkt: Wenn ich als Autor selbst keinen Sound im Kopf habe, wird die Szene leicht behauptet statt erlebt. Das merkt man zwischen den Zeilen. Also habe ich umgeschwenkt. Nicht, weil Marley nicht funktionieren würde, sondern weil ich etwas brauchte, das in meinem Kopf sofort „Ukulele“ sagt und bei den meisten Leserinnen und Lesern ebenfalls.

    So kam ich zu „IZ“.

    Warum „Wonderwall“ bleiben musste (gell Steve 😉)

    „Wonderwall“ ist ein ganz anderer Hebel. Der Song ist keine warme Decke, eher ein gemeinsames Lagerfeuer. Jeder kennt ihn, jeder kann reinfallen, sogar wenn man die Akkorde nur so halb trifft. Und genau das ist an dieser Stelle wichtig: Es geht nicht darum, perfekt zu spielen. Es geht darum, dass man sich traut, zusammen zu sein.

    Ich habe beim Suchen nach Songs gemerkt, dass ich unweigerlich bei meiner eigenen Jugend lande. Ich erinnere mich an diese Autofahrten mit 19, an Mitsingen, an dieses alberne, ernsthafte Gefühl, dass das Leben gerade erst anfängt. Und ja, das kam sehr oft vor. Gell, Steve. 😉

    „Wonderwall“ ist damit auch eine Reminiszenz. Nicht aufdringlich, eher wie ein kleiner persönlicher Fingerabdruck. Und gleichzeitig ist er so universell, dass er nicht privat wirkt. Er ist ein Song, der sofort ein „Wir“ herstellen kann. Einer spielt, die anderen grinsen, einer setzt ein, plötzlich ist man nicht mehr allein in seinem Kopf.

    Für Miriam ist er außerdem glaubwürdig. Wer ein halbes Jahr Gitarre lernt, landet früher oder später bei genau solchen Songs. Nicht, weil man unoriginell ist, sondern weil es die Lieder sind, die einen tragen, wenn man noch auf der Schwelle steht zwischen „Ich probier das mal“ und „Ich kann das wirklich“.

    Bonus: Auch der Song im Kassettendeck hat eine echte Vorgeschichte

    Und dann gibt es noch diese andere Ebene im Buch: Musik, die nicht nur Szene färbt, sondern Erinnerung auslöst.

    Als ich 19 oder 20 war, fuhren meine Eltern in den Urlaub und ließen das Käfer Cabrio meiner Mutter bei meiner Oma in der Garage stehen. Natürlich konnte ich nicht widerstehen. Ich habe Freunde und Bekannte eingesammelt, wir sind zum Schwimmen gefahren, irgendwohin, Hauptsache unterwegs.

    Dabei liefen die Kassetten meiner Eltern. Unter anderem: „I’ll Find My Way Home“ von Jon & Vangelis. Bis heute sprechen mich alte Freunde manchmal darauf an. Nicht nur auf den Käfer, sondern auf diesen Song. Weil er sich in diese Nächte eingebrannt hat, wie ein kleiner Stempel auf „Sommerfreiheit“. Ein Track, der einem ins Gehirn impft: Die Welt ist groß und du bist gerade unterwegs darin.

    Genau so möchte ich Musik im Roman einsetzen. Nicht als Lexikon, sondern als Tür.

    Wenn du die Szene lesen willst

    Die Ukulele-Szene ist Teil von Kapitel 4. Wenn du reinschnuppern willst: → [Leseprobe] (Hinweis: Szene kommt in Kapitel 4)

  • Wie ich Figuren wie Nick, Lucy & Co entwickle

    Wie ich Figuren wie Nick, Lucy & Co entwickle

    Figuren sind für mich das Herz jeder Geschichte. Orte, Musik, Stimmungen – all das kann noch so schön sein: Wenn die Menschen darin nicht lebendig wirken, bleibt der Roman am Ende flach.

    In meinen Büchern – gerade in der Reihe um Nick, Lucy & Co – sind die Figuren deshalb nie „zufällig“ da. Sie haben fast immer eine Geschichte, die weit über das hinausgeht, was im fertigen Text steht.


    Reale Vorbilder – aber keine Eins-zu-eins-Kopien

    Für nahezu alle meine Figuren gibt es reale Vorbilder. (In der Danksagung von Go Your Own Way erwähne ich das auch explizit.)

    Manchmal ist es:

    • das Aussehen,
    • manchmal eher Charakterzüge,
    • manchmal nur ein Beruf oder ein Hobby,
    • manchmal eine einzelne Geste oder eine typische Art zu reden.

    Aber: Schon bevor der eigentliche Schreibprozess beginnt, entwickeln diese Figuren in meinen Gedanken ein Eigenleben – und entfernen sich dabei oft weit von den Menschen, die mich ursprünglich inspiriert haben.

    Aus „der Kommilitone, der immer seine Gitarre dabeihatte“ wird vielleicht ein Schlagzeuger. Aus „der Freundin, die sich nie entschieden hat, was sie studieren soll“ wird eine hochfokussierte junge Frau, die alles durchplant – aber innerlich trotzdem genauso zweifelt.

    Die realen Vorbilder sind also eher Startpunkte als Schablonen. Sobald die Figuren im Roman angekommen sind, haben sie das Recht, sich anders zu verhalten als ihre „Originale“.


    Lebensläufe auf der Festplatte

    Damit dieses Eigenleben nicht in völliges Chaos ausartet, arbeite ich im Hintergrund ziemlich strukturiert.

    Zu nahezu allen Haupt- und Nebenfiguren gibt es bei mir einen Lebenslauf auf der Festplatte. Kein offizielles Bewerbungsdokument, sondern eher ein sehr ausführlicher Steckbrief, der z.B. enthält:

    • soziale Herkunft (Woher kommt die Person? Dorf? Stadt? Welche Milieus?),
    • Familie (Eltern, Geschwister, wichtige Bezugspersonen),
    • Hobbys und Interessen,
    • Erfahrungen und wichtige Erlebnisse,
    • kleine Anekdoten,
    • wie einzelne Figuren sich kennengelernt haben.

    Viele dieser Infos tauchen im Roman nie direkt auf. Aber sie sorgen dafür, dass ich die Figuren „von innen heraus“ verstehe.

    Wenn ich weiß, wie jemand aufgewachsen ist, wem er oder sie schon mal das Herz gebrochen hat, welches große Ziel im Hintergrund tickt – dann fällt es mir leichter zu entscheiden, wie diese Person in einer Szene reagiert: ob sie kontert, schweigt, ausweicht, lacht, übertreibt oder ehrlich wird.

    Außerdem hilft mir dieser Lebenslauf, auch nach Wochen oder Monaten noch genau zu wissen, wie ich die Figur ursprünglich konzipiert habe. Gerade bei längeren Projekten ist das Gold wert.


    Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – auch für mich

    Neben Text brauche ich noch etwas anderes, damit Figuren für mich wirklich „da“ sind: Bilder.

    Für alle wichtigen Figuren lasse ich mir Bilder erstellen – inzwischen meistens mithilfe von KI. Das läuft oft so:

    • Ich nehme die Beschreibung, die im Roman beim ersten Auftritt der Figur steht.
    • Diese Beschreibung lade ich bei einer Bild-KI hoch.
    • Ich bitte die KI, mir auf dieser Grundlage ein Porträt oder eine Szene mit der Person zu erzeugen.

    Das hat gleich mehrere Effekte:

    1. Check: Habe ich genug beschrieben?
      Wenn die KI mir ein Bild liefert, das so gar nicht zu meinem inneren Bild passt, frage ich mich:
      Habe ich im Text wirklich das erwähnt, was mir wichtig ist?
      Oder weiß ich zwar, dass die Figur Sommersprossen, abgewetzte Chucks und ein bestimmtes Lächeln hat – aber habe ich es den Leser:innen überhaupt mitgeteilt?
    2. Bessere Vorstellung im Schreiballtag
      Ein Bild hilft mir, eine Figur beim Schreiben „im Raum zu sehen“: Wie steht sie da? Wie sitzt sie? Welche Körperhaltung hat sie?
      Das sorgt dafür, dass Gestik und Mimik im Text stimmiger werden.
    3. Emotionale Nähe
      Wenn ich ein passendes Bild gefunden habe, fühlt sich die Figur für mich oft noch realer an. Ich sehe „Nick“ oder „Mike“ dann nicht mehr nur als Buchstabenfolge, sondern als jemanden, der mir auf Fotos und in Szenen begegnet.

    Die KI ersetzt dabei keine Fantasie – sie ist eher ein Spiegel: Sie zeigt mir, was ich bislang wirklich formuliert habe, und wo ich in meinem Kopf mehr weiß, als auf dem Papier steht.


    Wenn Figuren ihr Eigenleben entwickeln

    Spannend wird es immer dann, wenn Figuren anfangen, Dinge zu tun, die ich gar nicht geplant hatte.

    Vielleicht kennst du das Klischee vom Autor, der sagt: „Meine Figuren machen irgendwann, was sie wollen.“
    Klingt esoterisch – ist aber gar nicht so gemeint.

    Wenn ich eine Figur lange genug „füttere“ – mit Biografie, Bildern, typischen Reaktionen –, dann wird irgendwann klar, was sie in einer bestimmten Situation niemals tun würde. Oder was sie auf jeden Fall tun würde, auch wenn mir als Autor das Leben dadurch schwerer gemacht wird.

    • Vielleicht wollte ich, dass jemand im entscheidenden Moment cool bleibt – aber alles in mir schreit: „Nein, diese Person flippt hier aus!“
    • Oder ich hatte eine Romanze geplant, aber die Chemie zwischen zwei Figuren fühlt sich beim Schreiben einfach nicht stimmig an.

    Eine kleine Anekdote hierzu: Vor ein paar Tagen lief in meiner Küche das Radio und ich dachte mir: „Chris würde das Klaviersolo ganz anders spielen.“ Dann versuche ich, nicht gegen diese innere Logik anzuschreiben, sondern ihr zu folgen.
    Denn sobald ich anfange, Figuren nur noch wie Schachfiguren zu verschieben, merkt man das dem Text irgendwann an.


    Was das für Nick, Lucy & Co konkret bedeutet

    Nick, Lucy, Miriam, Jonas, Chris, Mike und all die anderen sind also Mischwesen:

    • ein Teil echte Menschen,
    • ein Teil Fiktion,
    • ein Teil „Was wäre, wenn…?“,
    • plus ein großer Teil Wirkung dessen, was beim Schreiben passiert.

    Vielleicht erkennst du dich irgendwann in einer Nebenfigur wieder – in einer Vorliebe für ein bestimmtes Getränk, einer Art zu sprechen, einer Haltung zur Welt. Dann ist das kein Zufall.

    Aber es bedeutet nicht, dass irgendjemand eins zu eins „abgebildet“ wird.
    Es sind immer neue Figuren, die sich in dieser Romanwelt bewegen, mit eigener Geschichte und eigener Entwicklung.


    Und für Leser:innen?

    Für dich als Leser:in heißt das:

    • Hinter jeder Figur steckt mehr, als auf den Seiten steht.
    • Manches davon wirst du beim Lesen spüren, ohne dass es direkt erklärt wird.
    • Und manches bleibt bewusst unsichtbar – aber es hilft mir, dass sich die Figuren anfühlen, als würden sie auch dann weiterexistieren, wenn das Kapitel zu Ende ist.

    Wenn du Lust hast zu sehen, wie sich das konkret anfühlt:
    Auf der Leseproben-Seite findest du eine Szene mit Nick und Miriam am Strand – zwei Figuren, die beide eine lange „unsichtbare“ Vorgeschichte auf meiner Festplatte haben.

    Vielleicht liest du sie ja mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass jede Figur ein kleines geheimes Dossier hat – und dass genau das sie lebendig macht.