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  • Manja: Wie eine Krawallnudel ihren Weg in den Roman fand

    Manja: Wie eine Krawallnudel ihren Weg in den Roman fand

    Manche Figuren entstehen langsam. Man überlegt sich ihre Biografie, ihre Eigenheiten, ihre Funktion in der Geschichte. Man schiebt sie gedanklich ein wenig hin und her, bis sie irgendwann anfangen, wie echte Menschen zu wirken.

    Und dann gibt es Manja.

    Als für mich feststand, dass Go Your Own Way eine Fortsetzung bekommen sollte, war ebenso schnell klar: Es braucht neue Figuren. Denn so unterschiedlich Nick, Miriam, Lucy und die anderen auch sind, eines haben viele von ihnen gemeinsam: Sie sind auf ihre jeweils eigene Art erstaunlich brav und konventionell.

    Da fehlte jemand.

    Eine Krawallnudel.

    Nicht unsympathisch, nicht rücksichtslos und schon gar nicht einfach nur laut. Sondern liebevoll chaotisch, ein bisschen anarchisch, politisch, selbstbewusst und mit einer gewissen Freude daran, Erwartungen nicht zu erfüllen.

    In dem Moment, in dem diese Grundidee feststand, gingen gleich mehrere Schubladen auf.

    Aus gutem Hause in Richtung Revolution

    Sie ist 17 und stammt – ähnlich wie Lucy – aus einer gutbürgerlichen Lübecker Familie. Ihre Mutter ist Physiotherapeutin mit eigener Praxis. Eigentlich beste Voraussetzungen für einen ziemlich geradlinigen Lebensweg.

    Nur hat diese 17-Jährige wenig Interesse an geraden Linien.

    Wenn sie aus diesem Umfeld stammt und gleichzeitig zu der unangepassten, politisch links stehenden Figur werden sollte, die mir vorschwebte, brauchte es einen Bruch mit den Erwartungen ihres Umfelds.

    Also schmeißt sie die Schule in der elften Klasse.

    Nicht, weil ihr alles egal wäre. Im Gegenteil. Sie hat ziemlich genaue Vorstellungen davon, was ihr wichtig ist. Nur stimmen diese Vorstellungen nicht unbedingt mit denen ihrer Mutter überein.

    Sie engagiert sich politisch, geht auf Demonstrationen, liest Rosa Luxemburg genauso wie Manga und mischt sich ein, wenn sie etwas ungerecht findet. Hinter ihrem ganzen Chaos steckt deshalb ein ziemlich ernsthafter Kern: Sie kann schlecht dabei zusehen, wenn andere Menschen unter die Räder kommen.

    Natürlich würde diese jugendliche Krawallnudel selbst das vermutlich weniger feierlich formulieren.

    Sie bezeichnet sich lieber als „Trotzkistin mit Herz“.

    Jette? Svea? Nein. Manja.

    Auch der Name der Figur stand nicht sofort fest.

    Von Anfang an wollte ich einen nordischen Namen. Zunächst hieß sie Jette. Danach wurde aus Jette Svea.

    Aber je deutlicher die Figur vor meinem inneren Auge wurde, desto weniger passten beide Namen.

    Jette war mir zu brav.

    Svea ebenfalls.

    Und eine Frau, die sich nicht an die Erwartungen ihrer Umgebung hält, sollte wenigstens einen Namen bekommen, der sich für mich nach ihr anfühlt.

    So wurde aus Jette über Svea schließlich Manja. Den Namen verdankt sie übrigens einer ehemaligen Arbeitskollegin. Grüße an dieser Stelle an die echte Manja!

    Und damit war sie plötzlich da.

    Fast.

    Denn eine Sache fehlte noch: Wo verbringt jemand wie Manja eigentlich seine Zeit?

    Wenn die Recherche plötzlich den Roman kennt

    Im ersten Entwurf von When I Come Around arbeitete Manja in einem fiktiven alternativen Kulturzentrum namens „UFER“.

    Das funktionierte. Aber es fühlte sich eben auch erfunden an.

    Dann fuhr ich für die Recherche zum Roman nach Lübeck.

    In der Clemensstraße entdeckte ich das schickSAAL, ein kollektiv betriebenes Hostel mit Kneipe. Und das auch noch gegenüber vom Blauen Engel, einem Schauplatz, der bereits in Go Your Own Way eine Rolle spielt.

    Ich ging hinein.

    Und plötzlich stand ich in Manjas Welt.

    Das war einer dieser wunderbaren Momente beim Schreiben, in denen die Wirklichkeit eine bereits erfundene Kulisse einfach ersetzt. Manja war zu diesem Zeitpunkt längst als Figur fertig. Ich hatte das schickSAAL nicht gesucht, um einen passenden Ort für sie zu finden.

    Ich hatte den Ort gefunden und wusste sofort: Hier arbeitet Manja.

    Also erzählte ich dem Mann hinter der Theke von meiner Romanfigur.

    Seine Antwort war sinngemäß:

    „Schick Manja vorbei. So jemanden können wir hier dringend gebrauchen.“

    Damit war die Sache entschieden.

    Das fiktive „UFER“ flog aus dem Manuskript. Manja zog ins schickSAAL.

    Dort kellnert und kocht sie, kauft ein, gestaltet und verteilt Plakate, schleppt Boxen und putzt irgendwann auch, wenn es sonst wirklich niemand mehr erträgt.

    Manchmal schläft sie dort sogar im Lager.

    Ihre Mutter bezeichnet den Ort als „linkes Chaosloch“.

    Manja nennt ihn „Zuhause mit Espresso“.

    Und dann wäre da noch dieser Roller

    Natürlich braucht eine Figur wie Manja auch einen angemessenen Auftritt.

    Bei ihrem ersten Erscheinen fährt sie deshalb nicht einfach vor.

    Sie kommt auf einem modifizierten chinesischen Elektroroller in den Innenhof. Mit vierzehn Spiegeln. Einer Lichterkette. Quietschpinken Doc Martens. Und einem Motor, der klingt wie ein rebellischer Staubsauger, der sich weigert, die Hausarbeit zu machen.

    Ihre ersten Worte:

    „NOTFALL-EINSATZ! Die Revolution des Contents ist eingetroffen!“

    Spätestens da wusste ich: Ja. Genau so ist sie.

    Die unzähligen Spiegel am Roller sind übrigens kein Zufall. Sie sind eine kleine versteckte musikalische Reminiszenz an Quadrophenia von The Who und die mit Spiegeln übersäten Motorroller der Mod-Kultur.

    Solche kleinen musikalischen Verweise verstecke ich gerne in meinen Geschichten. Man muss sie nicht erkennen. Aber wer sie entdeckt, darf sich freuen.

    Eine Figur, die Unordnung mitbringt

    Manja ist also nicht Detail für Detail am Reißbrett entstanden.

    Am Anfang stand eigentlich nur das Gefühl, dass meiner Figurenwelt jemand fehlt, der ein wenig kräftiger gegen die Wände klopft. Als die anarchische Krawallnudel einmal feststand, kam erstaunlich schnell eines zum anderen:

    Das gutbürgerliche Elternhaus, der Bruch mit der Schule, ihre politische Haltung, ihr Humor, die pinken Doc Martens, der Name und schließlich ein realer Ort in Lübeck, der so gut zu ihr passte, dass ich ihn niemals hätte erfinden können.

    Und vielleicht mag ich genau deshalb ihren ersten Auftritt so sehr.

    Andere Figuren öffnen eine Tür und betreten eine Szene.

    Manja kommt auf einem lauten Elektroroller mit vierzehn Spiegeln um die Ecke und ruft die Revolution aus.

    Manchmal weiß man als Autor dann einfach:

    Die bleibt.

  • Die Ukulele-Szene: Warum genau diese 2-3 Songs ziehen

    Die Ukulele-Szene: Warum genau diese 2-3 Songs ziehen

    Es gibt Szenen, da wäre jede Erklärung zu viel. In Go Your Own Way ist die Ukulele-Szene genau so ein Moment: Drei Jugendliche, eine Nacht, ein Auto, ein Wochenende, das plötzlich nach „wir“ klingt. Musik ist hier kein Deko-Objekt und auch kein „Schaut mal, was ich alles kenne“. Sie ist Abkürzung. Stimmung in zwei Akkorden. Nähe ohne großes Gerede.

    (Und immer gilt: Songtitel ja, Lyrics nein. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet den Hintergrund hier: → [Musik in Romanen & Urheberrecht].)

    Die zwei Songs in der Szene

    In der Ukulele-Szene tauchen zwei Songs auf:

    • „Somewhere Over the Rainbow / What a Wonderful World“ von Israel ‘IZ’ Kamakawiwo’ole
    • „Wonderwall“ von Oasis

    Beide sind bekannt. Aber sie machen zwei komplett unterschiedliche Jobs.

    Was ich gesucht habe (und was ich vermeiden wollte)

    Ich wollte Songs, die frisch wirken, jugendlich, sofort verständlich, ohne dass die Szene nach „Playlist-Abhaken“ riecht. Und: Sie mussten realistisch spielbar sein. Miriam lernt seit etwa 6 bis 8 Monaten Gitarre. Damit fallen manche „Wow, Künstlerstück“-Nummern einfach raus. Ich wollte etwas, das man wirklich im Freundeskreis spielen kann, ohne dass es unglaubwürdig wird.

    Und dann kommt noch ein sehr praktischer Autor-Moment dazu: Beim Schreiben brauche ich Sound im Ohr. Nicht als Dauerbeschallung, eher wie ein inneres Echo. Wenn das fehlt, wird der Text schnell… trocken. Als würde jemand eine Kerze beschreiben, ohne Wärme zu fühlen.

    Warum „IZ“ auf der Ukulele so gut funktioniert

    Miriams Schreibtisch: Aufgabenheft, Halskettchen, Textmarker, Haargummi, Ukulele und Karteikarten

    Bei „IZ“ passiert etwas, das selten ist: Du liest den Titel und hast sofort einen Klang im Kopf. Ukulele, warm, weich, offen. Ein Song, der keine Tür auftritt, sondern sie leise aufschiebt.

    Das ist in der Szene entscheidend. Die Ukulele soll nicht beeindrucken. Sie soll die Luft verändern. Dieses „Wir sind gerade jung und es ist okay, dass wir das spüren“-Gefühl. „IZ“ liefert genau das. Er nimmt Hektik raus, ohne dass die Szene einschläft. Er legt so einen leichten Filter über alles, wie wenn man nachts im Auto sitzt und die Straßenlaternen kurz wie Sternschnuppen wirken.

    Und: Er ist spielbar. Nicht im Sinne von „super easy, kann jeder“, sondern im Sinne von „das kriegt man hin, wenn man dranbleibt“. Das passt zu Miriam. Man merkt: Sie lernt, sie übt, sie hat Bock. Kein Bühnenprofi. Eher jemand, der mit Musik Räume baut.

    Warum es ursprünglich Bob Marley sein sollte (und warum es dann doch anders wurde)

    Der Plan war erst ein anderer: „Three Little Birds“ von Bob Marley. Der Entwurf war sogar schon in Arbeit. Aber beim Schreiben habe ich gemerkt: Ich hatte den Song nicht klar genug im Ohr. Ich wusste, wie ich ihn emotional meine, aber nicht, wie er sich auf der Ukulele in genau dieser Szene anfühlt.

    Und das ist der Punkt: Wenn ich als Autor selbst keinen Sound im Kopf habe, wird die Szene leicht behauptet statt erlebt. Das merkt man zwischen den Zeilen. Also habe ich umgeschwenkt. Nicht, weil Marley nicht funktionieren würde, sondern weil ich etwas brauchte, das in meinem Kopf sofort „Ukulele“ sagt und bei den meisten Leserinnen und Lesern ebenfalls.

    So kam ich zu „IZ“.

    Warum „Wonderwall“ bleiben musste (gell Steve 😉)

    „Wonderwall“ ist ein ganz anderer Hebel. Der Song ist keine warme Decke, eher ein gemeinsames Lagerfeuer. Jeder kennt ihn, jeder kann reinfallen, sogar wenn man die Akkorde nur so halb trifft. Und genau das ist an dieser Stelle wichtig: Es geht nicht darum, perfekt zu spielen. Es geht darum, dass man sich traut, zusammen zu sein.

    Ich habe beim Suchen nach Songs gemerkt, dass ich unweigerlich bei meiner eigenen Jugend lande. Ich erinnere mich an diese Autofahrten mit 19, an Mitsingen, an dieses alberne, ernsthafte Gefühl, dass das Leben gerade erst anfängt. Und ja, das kam sehr oft vor. Gell, Steve. 😉

    „Wonderwall“ ist damit auch eine Reminiszenz. Nicht aufdringlich, eher wie ein kleiner persönlicher Fingerabdruck. Und gleichzeitig ist er so universell, dass er nicht privat wirkt. Er ist ein Song, der sofort ein „Wir“ herstellen kann. Einer spielt, die anderen grinsen, einer setzt ein, plötzlich ist man nicht mehr allein in seinem Kopf.

    Für Miriam ist er außerdem glaubwürdig. Wer ein halbes Jahr Gitarre lernt, landet früher oder später bei genau solchen Songs. Nicht, weil man unoriginell ist, sondern weil es die Lieder sind, die einen tragen, wenn man noch auf der Schwelle steht zwischen „Ich probier das mal“ und „Ich kann das wirklich“.

    Bonus: Auch der Song im Kassettendeck hat eine echte Vorgeschichte

    Und dann gibt es noch diese andere Ebene im Buch: Musik, die nicht nur Szene färbt, sondern Erinnerung auslöst.

    Als ich 19 oder 20 war, fuhren meine Eltern in den Urlaub und ließen das Käfer Cabrio meiner Mutter bei meiner Oma in der Garage stehen. Natürlich konnte ich nicht widerstehen. Ich habe Freunde und Bekannte eingesammelt, wir sind zum Schwimmen gefahren, irgendwohin, Hauptsache unterwegs.

    Dabei liefen die Kassetten meiner Eltern. Unter anderem: „I’ll Find My Way Home“ von Jon & Vangelis. Bis heute sprechen mich alte Freunde manchmal darauf an. Nicht nur auf den Käfer, sondern auf diesen Song. Weil er sich in diese Nächte eingebrannt hat, wie ein kleiner Stempel auf „Sommerfreiheit“. Ein Track, der einem ins Gehirn impft: Die Welt ist groß und du bist gerade unterwegs darin.

    Genau so möchte ich Musik im Roman einsetzen. Nicht als Lexikon, sondern als Tür.

    Wenn du die Szene lesen willst

    Die Ukulele-Szene ist Teil von Kapitel 4. Wenn du reinschnuppern willst: → [Leseprobe] (Hinweis: Szene kommt in Kapitel 4)

  • Die Ente als Nebenfigur – Warum fährt Nick einen 2CV?

    Die Ente als Nebenfigur – Warum fährt Nick einen 2CV?

    Warum der Citroën 2CV mehr ist als ein Auto: Symbolik, Humor, Geräusche, „Roadtrip-Gefühl“

    Manche Autos sind Fortbewegungsmittel. Und manche sind Mitreisende. Der Citroën 2CV gehört zur zweiten Sorte. In Go Your Own Way ist die „Ente“ nicht einfach ein Fahrzeug, das Nick von A nach B trägt. Sie ist Kulisse, Katalysator, Gesprächspartnerin ohne Worte. Eine Nebenfigur auf vier Rädern, die knarzt, schaukelt, riecht, klappert und damit etwas schafft, was glatte Neuwagen selten hinbekommen: Sie schreibt Atmosphäre.

    Und vielleicht ist das auch der Grund, warum die Ente bei mir nicht erst im Roman auftauchte, sondern viel früher. In der Familiengeschichte.


    1) Familienerbstück auf Rädern: Rot, Orange, Gelb

    Meine Eltern fuhren selbst Ente, als sie jung waren. Erst eine rote, später eine orangefarbene, zuletzt eine gelbe Kastenente. Schon diese Farbreihe ist wie ein kleines Lebensgefühl in Lack: nicht „dezent“, sondern entschieden. Kein Auto, das sich versteckt. Eher eins, das sagt: Ich bin hier, und ich bin ein bisschen anders, aber genau darum geht’s.

    Wenn man so aufwächst, wird die Ente zu einem inneren Geräusch. Zu einem Bild, das mehr bedeutet als Blech: Sommer, Leichtigkeit, Improvisation. Und dieses „Improvisations-Gen“ ist später beim Schreiben Gold wert, weil es sofort eine Tonart vorgibt: warm, menschlich, leicht schräg.


    2) Nicks Ente und die Wahrheit dahinter

    Die Anekdote, wie Nick zu seiner Ente kam, entspricht in Details der Wahrheit. Und genau das merkt man solchen Szenen an: Sie haben diesen kleinen Widerstand gegen Erfindung, dieses „So war’s eben“.

    Bei mir beginnt alles mit einem grünen Exemplar auf dem Lehrerparkplatz. Der stellvertretende Schulleiter und Lehrer für Rechnungswesen an meiner Schule, Herr Schumann, fuhr eine grüne Ente. Jeden Morgen stand dieses Vehikel da, wie ein freundlicher Fremdkörper zwischen Alltagsautos. Ich selbst wurde nicht von ihm unterrichtet, weil ich im Französisch-Zweig war, aber die Ente kannte ich trotzdem. Sie war da. Jeden Tag. Wie ein wiederkehrendes Motiv.

    Nach dem Schulabschluss machte ich mit meinen Eltern Urlaub in Südfrankreich. Rückblickend passt das fast zu gut: Französisch-Zweig, Südfrankreich, Ente. Manche Motive suchen sich ihre Menschen.

    Als ich zurückkam, erfuhr ich: Herr Schumann hatte die Ente verschrotten lassen, weil er niemanden gefunden hatte, der sie übernehmen wollte. Und dann passierte dieser typische, schmerzlich-nette Gedanke: Was wäre gewesen, wenn ich da gewesen wäre? Wenn ich es gewusst hätte. Wenn ich gefragt hätte. Wenn ich einen Satz früher abgebogen wäre in eine andere Version meines Lebens.

    Genau diese „Was-wäre-wenn“-Energie ist pures Romanmaterial. Nicht als Drama, sondern als feine, menschliche Melancholie. Und gleichzeitig ist da Humor drin, weil es eben auch absurd ist: Da steht jahrelang ein Symbol auf dem Parkplatz, und erst wenn es weg ist, begreift man, wie sehr man es mochte. Im Roman bekommt Nick diese zweite Chance: Er ist zur richtigen Zeit da, fragt nach, übernimmt, bevor es zu spät ist. So wird die Ente nicht zur schrulligen Marotte, sondern zu einem kleinen Schicksalsmoment.


    3) „Warum fährt Nick eine Ente?“ Die Testleserfrage

    Ich werde immer wieder gefragt: „Warum fährt Nick ausgerechnet eine Ente?“ Und oft hängt gleich die zweite Frage dran, offen oder unausgesprochen: „Kann man sich heute überhaupt vorstellen, dass ein 19-Jähriger so ein Auto fährt?“

    Ich verstehe den Reflex. Für viele wirkt das erstmal „zu speziell“. Ein VW Käfer oder ein Mini Cooper wären in der Retro-Schublade naheliegender. Beide sind ikonisch, beide sind bekannt, beide sind sofort „cool“. Aber genau da liegt der Punkt: Nick soll nicht cool wirken. Nick soll frei wirken. Und dafür ist die Ente schlicht das bessere Fahrzeug, weil sie sich im Text wie eine Nebenfigur verhält und nicht wie ein Accessoire.

    • Der Käfer trägt in Deutschland einen riesigen Mythos im Gepäck. Manchmal so groß, dass er Szenen übertönt.
    • Der Mini (in der heutigen Wahrnehmung oft der moderne MINI) erzählt eher „Style“ und Stadt, weniger „unterwegs sein“.
    • Die Ente dagegen ist ein Anti-Status-Symbol. Sie sagt nicht „Schaut her“, sondern „Kommt mit“. Sie ist langsam genug, um die Welt wahrzunehmen, und eigen genug, um Gespräche zu provozieren.

    Und zur Plausibilität: Ja, ein 19-Jähriger in einer Ente ist heute ungewöhnlicher als früher. Aber ungewöhnlich ist nicht unglaubwürdig, wenn man es erdet. Deshalb hat Nicks Ente eine Herkunft, die nicht nach „Oldtimerkauf“ klingt, sondern nach „Gelegenheit, Rettung, Geschichte“. Außerdem passt sie zu Nicks Charakter: nicht statusgetrieben, eher romantisch, praktisch, ein bisschen DIY. Und sie hat Konsequenzen. Die Ente schenkt Freiheit, aber sie fordert auch Geduld, Hände, Zeit. Genau das macht sie real.


    4) Symbolik: Freiheit mit Beulen

    Im Roman steht Nicks Ente für eine Freiheit, die nicht geschniegelt ist. Keine Hochglanzfreiheit, die nach Leasing riecht, sondern eine, die auch mal nach feuchter Decke und altem Sommer duftet.

    Die Ente ist das Gegenteil von „alles unter Kontrolle“. Sie ist:

    • Freiheit, die klappert,
    • Mut, der langsam anläuft,
    • Romantik, die keine Pose braucht.

    Und sie passt zu Nick, weil Nick nicht der Typ „perfekte Lebensplanung“ ist. Eher der Typ „Ich fahr los, und unterwegs wird’s wahr“.


    5) Humor: Das Auto als Comedy-Partner

    Die Ente hat komisches Timing. Nicht aktiv, aber spürbar. Sie liefert Situationen, in denen Figuren automatisch echter werden:

    • Türen, die man mit zärtlicher Gewalt schließen muss.
    • Fenster, die lieber nur halb zustimmen.
    • Ein Geräusch, das klingt, als würde irgendwo ein kleines Orchester aus Schrauben proben.

    Das ist Humor, der nicht als Witz geschrieben wird, sondern aus der Sache selbst kommt. Und der sorgt dafür, dass Szenen leichter atmen. Selbst wenn gerade etwas Schweres passiert, bleibt die Welt nicht steril.


    6) Geräusche: Klangteppich statt Sounddesign

    Moderne Autos sind akustisch gedämpfte Kapseln. Die Ente ist das Gegenteil: Sie lässt die Welt rein. Und sie macht selbst Musik.

    Da ist das typische:

    • Rappeln, wenn der Untergrund grob wird.
    • Schaukeln, als würde das Auto mitdenken.
    • Wind, der irgendwo entlangpfeift, weil „Dichtung“ eher ein Vorschlag als ein Zustand ist.

    Im Schreiben sind solche Geräusche mehr als Kulisse. Sie sind Emotionsträger. Wenn Nick müde ist, klingt das Rattern anders. Wenn er euphorisch ist, wird das Klappern zum Rhythmus. Die Ente kommentiert, ohne zu sprechen.


    7) Roadtrip-Gefühl: Geschwindigkeit ist nicht das Thema

    Roadtrip heißt nicht: schnell. Roadtrip heißt: unterwegs sein.

    Die Ente zwingt zu einer anderen Art von Zeit. Man plant weniger, man nimmt Umwege eher hin, man schaut mehr raus. Es ist ein Auto, das nicht nach „Ziel“ schreit, sondern nach „Strecke“. Genau deshalb funktioniert sie als Nebenfigur: Sie macht aus einer Fahrt eine Szene. Aus Kilometern eine Stimmung.

    Vielleicht ist das die größte Symbolik: Die Ente ist ein Vehikel für Übergänge. Für dieses Dazwischen, in dem sich Figuren verändern, ohne dass sie es sofort merken.


    8) Warum sie als Nebenfigur wirkt

    Nebenfiguren erkennt man daran, dass man sie vermisst, wenn sie fehlen. Die Ente gibt dem Roman:

    • Wiedererkennbarkeit (Running Gag, Anker, vertrautes Geräusch)
    • Körperlichkeit (Geruch, Geräusch, Wärme, Kälte, Bewegung)
    • Haltung (nicht perfekt, aber echt)

    Und sie verbindet mein eigenes „Vorleben“ mit der Romanwelt: die Enten meiner Eltern, die grüne Ente von Herrn Schumann, die Südfrankreich-Reise, das Was-wäre-wenn. All das steckt in Nicks Ente wie in einem Handschuhfach, in dem mehr liegt als ein Warndreieck.


    9) Kein Radio ab Werk und genau deshalb passt es so gut

    Letzte Woche bin ich über ein Detail gestolpert, das die Ente für Nick noch „richtiger“ macht: Im Originalzustand hatte der 2CV ab Werk kein Radio.
    Ein Auto, das klappert wie eine Percussion-Sektion, aber musikalisch erst mal stumm bleibt. Und ausgerechnet Nick soll das fahren, für den Musik nicht Hobby ist, sondern Lebensmittel.

    Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass mein Vater mit uns im 2CV ohne musikalische Untermalung an die Côte d’Azur gefahren ist. Also hab ich ihn gefragt und bekam diese herrlich schlichte Antwort:

    „Gab keines ab Werk
    Soweit ich weiß
    Wir haben einfach ein Radio beim Armaturenbrett, reingeschraubt.“

    Ich liebe das, weil es die Ente perfekt zusammenfasst: nicht „Komfortpaket“, sondern „Mach’s dir passend“. Und es passt genauso perfekt zu Nick. Er wartet nicht darauf, dass die Welt ihm den Soundtrack liefert. Er baut ihn sich. Notfalls mit zwei Schrauben, einem Kabel und der festen Überzeugung, dass Stille zwar schön sein kann, aber nicht auf jeder Fahrt.

    Und plötzlich ist die Ente nicht nur Roadtrip, Symbolik und Geräusch. Sie ist auch ein kleines Statement: DIY ist hier keine Bastelromantik, sondern eine Form von Freiheit.


    Schluss: Eine Ente, die mehr kann als fahren

    Der Citroën 2CV ist in Go Your Own Way nicht einfach ein Auto. Er ist ein Ton. Eine Farbe. Ein Gefühl. Eine kleine, klappernde Philosophie auf Rädern: Dass Unperfektheit Charme hat. Dass Freiheit nicht geschniegelt sein muss. Und dass manche Dinge erst dann richtig Bedeutung bekommen, wenn sie (fast) verschwunden sind.

    Vielleicht ist das die eigentliche Pointe:
    Die Ente fährt nicht nur durch die Handlung. Sie fährt durch Nicks Innenleben. 🦆💛

  • Wie ich Figuren wie Nick, Lucy & Co entwickle

    Wie ich Figuren wie Nick, Lucy & Co entwickle

    Figuren sind für mich das Herz jeder Geschichte. Orte, Musik, Stimmungen – all das kann noch so schön sein: Wenn die Menschen darin nicht lebendig wirken, bleibt der Roman am Ende flach.

    In meinen Büchern – gerade in der Reihe um Nick, Lucy & Co – sind die Figuren deshalb nie „zufällig“ da. Sie haben fast immer eine Geschichte, die weit über das hinausgeht, was im fertigen Text steht.


    Reale Vorbilder – aber keine Eins-zu-eins-Kopien

    Für nahezu alle meine Figuren gibt es reale Vorbilder. (In der Danksagung von Go Your Own Way erwähne ich das auch explizit.)

    Manchmal ist es:

    • das Aussehen,
    • manchmal eher Charakterzüge,
    • manchmal nur ein Beruf oder ein Hobby,
    • manchmal eine einzelne Geste oder eine typische Art zu reden.

    Aber: Schon bevor der eigentliche Schreibprozess beginnt, entwickeln diese Figuren in meinen Gedanken ein Eigenleben – und entfernen sich dabei oft weit von den Menschen, die mich ursprünglich inspiriert haben.

    Aus „der Kommilitone, der immer seine Gitarre dabeihatte“ wird vielleicht ein Schlagzeuger. Aus „der Freundin, die sich nie entschieden hat, was sie studieren soll“ wird eine hochfokussierte junge Frau, die alles durchplant – aber innerlich trotzdem genauso zweifelt.

    Die realen Vorbilder sind also eher Startpunkte als Schablonen. Sobald die Figuren im Roman angekommen sind, haben sie das Recht, sich anders zu verhalten als ihre „Originale“.


    Lebensläufe auf der Festplatte

    Damit dieses Eigenleben nicht in völliges Chaos ausartet, arbeite ich im Hintergrund ziemlich strukturiert.

    Zu nahezu allen Haupt- und Nebenfiguren gibt es bei mir einen Lebenslauf auf der Festplatte. Kein offizielles Bewerbungsdokument, sondern eher ein sehr ausführlicher Steckbrief, der z.B. enthält:

    • soziale Herkunft (Woher kommt die Person? Dorf? Stadt? Welche Milieus?),
    • Familie (Eltern, Geschwister, wichtige Bezugspersonen),
    • Hobbys und Interessen,
    • Erfahrungen und wichtige Erlebnisse,
    • kleine Anekdoten,
    • wie einzelne Figuren sich kennengelernt haben.

    Viele dieser Infos tauchen im Roman nie direkt auf. Aber sie sorgen dafür, dass ich die Figuren „von innen heraus“ verstehe.

    Wenn ich weiß, wie jemand aufgewachsen ist, wem er oder sie schon mal das Herz gebrochen hat, welches große Ziel im Hintergrund tickt – dann fällt es mir leichter zu entscheiden, wie diese Person in einer Szene reagiert: ob sie kontert, schweigt, ausweicht, lacht, übertreibt oder ehrlich wird.

    Außerdem hilft mir dieser Lebenslauf, auch nach Wochen oder Monaten noch genau zu wissen, wie ich die Figur ursprünglich konzipiert habe. Gerade bei längeren Projekten ist das Gold wert.


    Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – auch für mich

    Neben Text brauche ich noch etwas anderes, damit Figuren für mich wirklich „da“ sind: Bilder.

    Für alle wichtigen Figuren lasse ich mir Bilder erstellen – inzwischen meistens mithilfe von KI. Das läuft oft so:

    • Ich nehme die Beschreibung, die im Roman beim ersten Auftritt der Figur steht.
    • Diese Beschreibung lade ich bei einer Bild-KI hoch.
    • Ich bitte die KI, mir auf dieser Grundlage ein Porträt oder eine Szene mit der Person zu erzeugen.

    Das hat gleich mehrere Effekte:

    1. Check: Habe ich genug beschrieben?
      Wenn die KI mir ein Bild liefert, das so gar nicht zu meinem inneren Bild passt, frage ich mich:
      Habe ich im Text wirklich das erwähnt, was mir wichtig ist?
      Oder weiß ich zwar, dass die Figur Sommersprossen, abgewetzte Chucks und ein bestimmtes Lächeln hat – aber habe ich es den Leser:innen überhaupt mitgeteilt?
    2. Bessere Vorstellung im Schreiballtag
      Ein Bild hilft mir, eine Figur beim Schreiben „im Raum zu sehen“: Wie steht sie da? Wie sitzt sie? Welche Körperhaltung hat sie?
      Das sorgt dafür, dass Gestik und Mimik im Text stimmiger werden.
    3. Emotionale Nähe
      Wenn ich ein passendes Bild gefunden habe, fühlt sich die Figur für mich oft noch realer an. Ich sehe „Nick“ oder „Mike“ dann nicht mehr nur als Buchstabenfolge, sondern als jemanden, der mir auf Fotos und in Szenen begegnet.

    Die KI ersetzt dabei keine Fantasie – sie ist eher ein Spiegel: Sie zeigt mir, was ich bislang wirklich formuliert habe, und wo ich in meinem Kopf mehr weiß, als auf dem Papier steht.


    Wenn Figuren ihr Eigenleben entwickeln

    Spannend wird es immer dann, wenn Figuren anfangen, Dinge zu tun, die ich gar nicht geplant hatte.

    Vielleicht kennst du das Klischee vom Autor, der sagt: „Meine Figuren machen irgendwann, was sie wollen.“
    Klingt esoterisch – ist aber gar nicht so gemeint.

    Wenn ich eine Figur lange genug „füttere“ – mit Biografie, Bildern, typischen Reaktionen –, dann wird irgendwann klar, was sie in einer bestimmten Situation niemals tun würde. Oder was sie auf jeden Fall tun würde, auch wenn mir als Autor das Leben dadurch schwerer gemacht wird.

    • Vielleicht wollte ich, dass jemand im entscheidenden Moment cool bleibt – aber alles in mir schreit: „Nein, diese Person flippt hier aus!“
    • Oder ich hatte eine Romanze geplant, aber die Chemie zwischen zwei Figuren fühlt sich beim Schreiben einfach nicht stimmig an.

    Eine kleine Anekdote hierzu: Vor ein paar Tagen lief in meiner Küche das Radio und ich dachte mir: „Chris würde das Klaviersolo ganz anders spielen.“ Dann versuche ich, nicht gegen diese innere Logik anzuschreiben, sondern ihr zu folgen.
    Denn sobald ich anfange, Figuren nur noch wie Schachfiguren zu verschieben, merkt man das dem Text irgendwann an.


    Was das für Nick, Lucy & Co konkret bedeutet

    Nick, Lucy, Miriam, Jonas, Chris, Mike und all die anderen sind also Mischwesen:

    • ein Teil echte Menschen,
    • ein Teil Fiktion,
    • ein Teil „Was wäre, wenn…?“,
    • plus ein großer Teil Wirkung dessen, was beim Schreiben passiert.

    Vielleicht erkennst du dich irgendwann in einer Nebenfigur wieder – in einer Vorliebe für ein bestimmtes Getränk, einer Art zu sprechen, einer Haltung zur Welt. Dann ist das kein Zufall.

    Aber es bedeutet nicht, dass irgendjemand eins zu eins „abgebildet“ wird.
    Es sind immer neue Figuren, die sich in dieser Romanwelt bewegen, mit eigener Geschichte und eigener Entwicklung.


    Und für Leser:innen?

    Für dich als Leser:in heißt das:

    • Hinter jeder Figur steckt mehr, als auf den Seiten steht.
    • Manches davon wirst du beim Lesen spüren, ohne dass es direkt erklärt wird.
    • Und manches bleibt bewusst unsichtbar – aber es hilft mir, dass sich die Figuren anfühlen, als würden sie auch dann weiterexistieren, wenn das Kapitel zu Ende ist.

    Wenn du Lust hast zu sehen, wie sich das konkret anfühlt:
    Auf der Leseproben-Seite findest du eine Szene mit Nick und Miriam am Strand – zwei Figuren, die beide eine lange „unsichtbare“ Vorgeschichte auf meiner Festplatte haben.

    Vielleicht liest du sie ja mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass jede Figur ein kleines geheimes Dossier hat – und dass genau das sie lebendig macht.