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Landtagswahl im Unterricht

Eine erste Auswahl des Infomaterials, das ich in den Wochen vor der Landtagswahl erhielt.
Eine erste Auswahl des Infomaterials, das ich in den Wochen vor der Landtagswahl erhielt.

Meine Schülerinnen und Schüler sind zwischen 16 und 19 Jahren alt. Es handelt sich also um Erstwähler oder baldige Wahlberechtigte. In Baden-Württemberg, wie auch in Bayern ist die “ Die Erziehung zu mündigen Bürgern […] eine zentrale Aufgabe unseres Schulwesens.“ (Quelle). Da meine Schüler „quasi per Definition“ nicht über einen Schulabschluss oder Ausbildungsplatz verfügen, und zudem in den vergangenen Pupertätsjahren mit Schule und Erziehung auf Kriegsfuß standen, ist es mir – wie Jochen Malsheimer sagt – ein „inneres Fußbad“, meine Schützlinge für Politik und gesellschaftliche Fragen zu begeistern.

In Schwäbisch Hall haben wir dieses Jahr 3 Wahlen:

  • Am 4. Juli wird der Bürgermeister gewählt (Kommunale Ebene)
  • Am 14. März ist Landtagswahl (Landesebene)
  • Am 26. September ist Bundestagswahl (Bundesebene)

Um den Stammtischparolen in den Köpfen der Jugendlichen entgegenzuwirken war es mir wichtig aufzuzeigen, dass „Die da oben“ auch irgendwo herkommen und teilweise sogar in den Wohnorten der Schüler und Schülerinnen leben. Für die Aufbereitung der Landtagswahl im Unterricht schrieb ich daher Anfang Februar alle 12 Direktkandidaten des Wahlkreises 22 Schwäbisch Hall an, und bat um Material zu Person, Partei und Zielen:

Sehr geehrte Damen und Herren,
für ein Projekt im Sozialkundeunterricht unserer VAB-Abschlussklasse sind wir auf der Suche nach Infomaterial über die Landtagskandidaten des Wahlkreises 22. Unsere Schüler sind zwischen 16 und 18 Jahren alt und somit im Erstwählerspektrum. Besteht die Möglichkeit, auch von Ihrer Kandidatin ……. Infomaterial zu erhalten?
Gerne stehe ich Ihnen für Rückfragen zur Verfügung. Zur Zusendung von Material nutzten sie bitte die in der Signatur enthaltene Hausanschrift.
Vielen Dank
Ihr S. Arndt

(Klassleitung VAB)

Persönliche Notiz der CDU-Direktkandidatin (I. Ratgeb) unter einem Begleitschreiben.
Persönliche Notiz der CDU-Direktkandidatin (I. Ratgeb) unter einem Begleitschreiben.

Die Resonanz war vielversprechend. Bereits wenige Minuten später rief die Kandidatin der CDU an und fragte ausführlich nach, wie ich meinen Unterricht gestalten würde, ob ich nur etablierte Parteien oder alle ansprechen würde und lobte mich für mein Engagement für die Demokratie. Auch der SPD-Kandidat antwortete kurz darauf und brachte noch am gleichen Tag persönlich Unterlagen, Aufkleber und einige Exemplare des Grundgesetzes vorbei. Innerhalb der nächsten Tage füllte sich mein E-Mailpostfach mit Korrespondenz der einzelnen Parteien.

Beim Sonntagsspaziergang am darauffolgenden Wochenende konnte ich vor der kleinen 10-jähren Schwester meiner Frau punkten, indem ich bei jedem Wahlplakat sagen konnte, dass ich mit der- oder demjenigen in Kontakt stehe.

In der darauffolgenden Woche erhielt ich jede Menge Post. Die Flyer, Aufkleber und sonstigen Werbegeschenke sowie die Infos zu den einzelnen Vertretern der Parteien erfreuten sich auch unter den Kollegen großen Interesses. Schnell avancierte ich in der Mittagspause zum Wahlexperten.

Leider machte der Fernunterricht meine Pläne zunichte, jeden VABler über einen Direktkandidaten seiner Wahl und dessen Partei ein Referat zu halten. Doch auch so erfreute sich das Material großen Interesses und sorgte für lebhafte Unterrichtsgespräche im Onlineunterricht. Gemeinsam entstand ein Handout über die einzelnen Direktkandidaten mit Foto (Quellen waren die Webseiten von Partei od. Kandidat) sowie Name, Alter und Beruf. Einzelne Parameter konnten bei einigen Kandidaten nicht recherchiert werden, was erneut zu Diskussionen über die Kandidaten und deren Transparenz führte.

Selbstverständlich achtete ich als Lehrkraft tunlichst darauf, keine Empfehlungen oder Tendenzen zu äußern oder zu unterstützen, sondern in den aufkommenden Diskussionen ausgleichend als Moderator zu fungieren. Außer dem eigenen Material wurde der Wahlomat und die Webseite von Abgeordnetenwatch verwendeten.

Auch nach der Landtagswahl ebbten die Diskussionen und Unterrichtsgespräche in LWK nicht ab. Mit Hilfe der Tageszeitung und anderer Medien wurde und wird bis heute das Tagesgeschehen recherchiert. Unterrichtsinhalte, wie Demokratieverständnis, das Vertreten der eigenen Meinung, sind lebendiger und erfahrbarer als noch vor einigen Wochen. Aber auch ansonsten trockene Themenbereiche (Koalitionsverhandlungen, Regierungsbildung, etc.) können Dank der Aktualität schneller und motivierter durchgenommen werden. Eine Schüler-Frage bleibt: „Was machen Politiker wenn sie nicht gewählt wurden.“ Vielleicht rufe ich mal meine neue Brieffreundin an und frage sie.